Mittwoch, 24. September 2014

Über die Sterblichkeit I


Als Gastbeitrag dient uns eine Predigt von Cyprian von Karthago, ein Bischof der Urchristen (gest. im Jahr 258)

Zwar ist bei den meisten von euch, geliebteste Bruder, ein fester Sinn, ein starker Glaube und ein frommes Herz zu finden, das angesichts des gewaltigen Umsichgreifens der gegenwärtigen Sterblichkeit (die Pest-Seuche, H.K.) sich nicht erschüttern läßt, sondern wie ein mächtiger, unerschütterlicher Fels die stürmischen Anläufe der Welt und die brandenden Wogen des zeitlichen Lebens eher selbst bricht als sich von ihnen brechen läßt und in den Versuchungen nicht unterliegt, sondern sich bewährt; weil ich jedoch bemerke, wie einige unter der Menge infolge des Mangels an Mut oder der Schwäche ihres Glaubens, wegen der Lockungen des weltlichen Lebens, wegen der Weichlichkeit ihres Geschlechtes oder, was noch schlimmer ist, 
wegen Abirrens von der Wahrheit nicht mehr so recht fest stehen und nicht mehr die göttliche und unbesiegbare Stärke ihres Herzens an den Tag legen, so durfte ich die Sache nicht unbeachtet lassen und mit Stillschweigen übergehen, sondern ich mußte, soweit unsere Wenigkeit es vermag, mit voller Kraft und mit Worten, die aus der Schrift des Herrn entnommen sind, die Feigheit des schwächlichen Sinnes bekämpfen, damit der, der schon angefangen hat, ein Mensch Gottes und Christi zu sein, Gottes und Christi auch wirklich würdig erachtet werde.

Solche Drangsale sind jedoch schon lange vorhergesagt als Anzeichen der letzten Zeiten.

Denn jeder, geliebteste Brüder, der Gott als Krieger dient, der im himmlischen Lager stehend schon auf das Göttliche hofft, muß erst seine Pflicht erkennen, damit es gegenüber den Stürmen und Ungewittern der Welt bei uns kein Zagen, keine Verwirrung gibt. Hat doch der Herr dies alles vorhergesagt, indem er voraussehend mit mahnender Stimme das Volk seiner Kirche unterrichtete und lehrte, indem er es dazu vorbereitete und stärkte, alles Kommende zu ertragen. Daß Krieg und Hungersnot, Erdbeben und Seuchen allerorten ausbrechen, hat er vorherverkündigt und prophezeit1 , und damit nicht der unerwartete und überraschende Schrecken der Heimsuchungen uns niederschmettere, hat er schon lange zuvor darauf hingewiesen, daß die Drangsale sich in den letzten Zeiten mehr und mehr häufen. Seht, es geschieht jetzt, was gesagt ist, und da nun das eintritt, was vorausverkündigt ist, wird auch all das nachfolgen, was verheißen ist. Denn der Herr selbst verspricht und sagt: "Wenn ihr aber seht, daß dies alles geschieht, so wisset, daß das Reich Gottes ganz nahe ist" . Das Reich Gottes, geliebteste Brüder, ist in nächste Nähe gerückt; der Lohn des [himmlischen] Lebens und die Freude des ewigen Heils, unvergängliche Seligkeit und der dereinst verlorene Besitz des Paradieses winken bereits mit dem bevorstehenden Übergang der Welt. Schon folgt dem Irdischen das Himmlische, Großes dem Kleinen, das Ewige dem Vergänglichen. Wo wäre hier Raum für Angst und Sorge? Wer wäre da zaghaft und traurig, außer etwa einer, dem es an Hoffnung und Glauben fehlt? Denn nur der hat den Tod zu fürchten, der nicht zu Christus gehen will; nur der aber kann sich sträuben, zu Christus zu gehen, der nicht daran glaubt, daß er mit Christus zu herrschen beginnt.

Es steht geschrieben, der Gerechte lebe durch den Glauben . Wenn du aber gerecht bist und durch den Glauben lebst, wenn du wahrhaft auf Gott vertraust, warum begrüßest du es dann nicht mit Freuden, daß du zu Christus gerufen wirst, und warum wünschest du dir nicht Glück dazu, den Teufel los zu werden; denn du bist dann doch bei Christus und kannst der Verheißung des Herrn sicher sein? So hatte jener gerechte Simeon, der in Wahrheit ein Gerechter war und der mit vollem Glauben Gottes Gebote hielt, von Gott den Bescheid erhalten, er werde nicht eher sterben, als bis er Christus gesehen habe. Als nun das Christuskind mit seiner Mutter in den Tempel kam, da erkannte er im Geiste, daß Christus, von dem ihm vorher geweissagt war, nunmehr geboren sei. Er wußte, daß er nun bald sterben werde, nachdem er ihn gesehen. Voll Freude also über den schon so nahen Tod und der baldigen Abberufung gewiß, nahm er das Kind auf seine Arme, pries Gott, rief und sprach: "Jetzt lassest Du, Herr, Deinen Diener in Frieden scheiden nach Deinem Wort, weil meine Augen Deinen Heiland gesehen haben" . Damit bewies und bezeugte er doch offenbar, daß wir Diener Gottes dann erst Frieden, dann erst volle und ungestörte Ruhe haben, wenn wir den Stürmen dieser Welt entrückt sind und in den Hafen der ewigen Heimat und Sicherheit einlaufen, wenn wir unsere Todesschuld hier abgetragen haben und zur Unsterblichkeit gelangen. Denn das ist der wahre Friede, das ist die zuverlässige Ruhe, das die beständige, feste und ewige Sicherheit.

Denn was ist das irdische Leben anderes als ein beständiger Kampf gegen die Anschläge des Teufels und die Leidenschaften in der eigenen Brust?

Was hat man dagegen auf der Welt anderes, als daß man täglich gegen den Teufel Krieg führen, als daß man gegen seine Speere und Geschosse in beständigem Ringen sich abkämpfen muß? Mit der Habsucht, mit der Unzüchtigkeit, mit dem Zorn, mit dem Ehrgeiz haben wir zu ringen, mit den fleischlichen Lastern, mit den weltlichen Lockungen haben wir einen beständigen und beschwerlichen Kampf zu bestehen. Umlagert und von allen Seiten von den Anfechtungen des Teufels bedrangt, vermag die Seele des Menschen kaum dem einzelnen Fehler entgegenzutreten, kaum dem einzelnen zu widerstehen. Ist die Habsucht niedergeworfen, so erhebt sich die Wollust; ist die Wollust unterdrückt, so tritt der Ehrgeiz an ihre Stelle; ist der Ehrgeiz überwunden, so erbittert uns der Zorn, es bläst der Hochmut uns auf, es lockt uns die Trunksucht, der Neid stört die Eintracht, und die Eifersucht zerreißt die Freundschaft. Du läßt dich dazu drängen, zu fluchen, was das göttliche Gesetz verbietet , du läßt dich dazu verleiten, zu schwören, was doch nicht erlaubt ist .

Aus diesem Jammertal kann uns nur der Tod erlösen, der uns zu Christus führt

So viele Verfolgungen sind es, die unsere Seele Tag für Tag zu erdulden hat, so viele Gefahren bedrängen unser Herz. Und da sollten wir uns freuen, noch lange den Schwertstreichen des Teufels ausgesetzt zu sein, obwohl doch vielmehr sehnlich zu wünschen wäre, durch einen möglichst frühen erlösenden Tod eilends zu Christus zu gelangen? Belehrt er uns doch selbst mit den Worten: "Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: ihr werdet weinen und wehklagen, die Welt aber wird sich freuen; ihr werdet traurig sein, aber eure Traurigkeit wird sich in Freude verwandeln" . Wer sollte nicht wünschen, die Traurigkeit los zu werden, wer sich nicht beeilen, zur Freude zu gelangen? 

Wann aber unsere Traurigkeit in Freude sich verwandelt, das erklärt abermals der Herr selbst mit den Worten: "Ich werde euch wiedersehen, und euer Herz wird sich freuen, und eure Freude wird niemand von euch nehmen" . Da also "Christus sehen" sich freuen heißt und da es keine Freude für uns geben kann, wenn man nicht Christus sieht, welche Geistes Verblendung oder welcher Wahnsinn ist es dann, die Drangsale, die Pein und die Tränen der Welt zu lieben, statt vielmehr der Freude zuzueilen, die nie wieder genommen werden kann?

Wer dennoch die Welt liebt, dem fehlt der rechte Glaube an die Verheißungen des Herrn

Das kommt aber daher, geliebteste Brüder, weil der richtige Glaube fehlt, weil niemand das für wahr hält, was Gott verheißt, der doch wahrhaftig ist und dessen Worte für die Gläubigen ewig feststehen. Verspräche dir ein würdiger, achtbarer Mann irgend etwas, so würdest du seinem Versprechen Glauben schenken und nicht annehmen, daß er dich täuschen und betrügen könnte, er, von dem du doch wüßtest, daß er in seinen Worten und Taten verlässig ist. Nun ist es Gott, der mit dir spricht: und du schwankst ungläubigen Sinnes mißtrauisch hin und her? Gott verheißt dir Unsterblichkeit und ewiges Leben, wenn du von dieser Welt scheidest: und du zweifelst? Das heißt gar keine Ahnung von Gott haben, das heißt Christus, den Lehrmeister des Glaubens, durch die Sünde des Unglaubens beleidigen, das heißt der Kirche angehören, ohne im Hause des Glaubens auch wirklichen Glauben zu haben.

Nach der Heiligen Schrift ist Sterben für die Gläubigen der größte Gewinn

Welchen Gewinn es bedeutet, das zeitliche Leben zu verlassen, das hat Christus selbst gezeigt, der Lehrmeister alles dessen, was zu unserem Heil und Nutzen dient; denn als seine Jünger betrübt waren, weil er sagte, er werde nunmehr dahingehen, da sprach er zu ihnen die Worte: "Wenn ihr mich geliebt hättet, würdet ihr euch freuen, daß ich zum Vater gehe" . 

Damit wollte er offenbar lehren und zeigen, daß wir statt zu trauern vielmehr uns freuen sollten, wenn die Teuren, die wir lieben, das zeitliche Leben verlassen. In Erinnerung daran schreibt und sagt der selige Apostel Paulus in seinem Briefe: "Leben ist mir Christus und Sterben Gewinn" , und er hält es für den größten Gewinn, nicht mehr von den Fallstricken der Welt festgehalten zu werden, nicht mehr den Sünden und Lastern des Fleisches ausgesetzt zu sein, sondern, gerettet aus den ängstigenden Drangsalen und befreit aus dem vergifteten Rachen des Teufels , auf Christi Ruf der Freude des ewigen Heils zuzueilen.

Daß auch die Christen von der Seuche nicht verschont bleiben, darf nicht wundernehmen; denn nicht irdisches Glück ist das Ziel des Christentums. Hier auf Erden sind vielmehr die Gläubigen den gleichen Naturgesetzen, Leiden und Gefahren unterworfen wie die Heiden

Aber freilich, manche stoßen sich daran, daß die Macht der jetzt wütenden Krankheit ebenso wie die Heiden auch die Unsrigen ergreift: gerade als ob der Christ nur deshalb gläubig geworden wäre, um, von der Berührung der Übel verschont, in Glück die Welt und das zeitliche Leben zu genießen, und nicht vielmehr deshalb, um für die künftige Freude aufbewahrt zu werden, nachdem er hier alles Widrige erduldet hat. Es stoßen sich manche daran, daß uns mit den anderen Menschen diese Sterblichkeit gemeinsam sei. 

Aber was hätten wir denn in dieser Welt mit den übrigen Menschen nicht gemeinsam, solange uns noch nach dem Gesetz der ersten Geburt dieses Fleisch gemeinsam bleibt? Solange wir hier in der Welt weilen, sind wir mit dem ganzen Menschengeschlecht durch die Gleichheit des Fleisches verbunden und nur dem Geiste nach getrennt. Bis also dieses Verwesliche die Unverweslichkeit annimmt und dieses Sterbliche die Unsterblichkeit empfängt1 und bis der Geist uns zu Gott dem Vater führt, solange sind uns all die Mängel, die dem Fleische anhaften, mit dem ganzen Menschengeschlechte gemeinsam2 . So bleibt ja auch, wenn bei Mißwachs der Boden eine nur magere Ernte liefert, keiner vom Hunger verschont; so trifft, wenn eine Stadt bei einem feindlichen Einfall besetzt worden ist, das Los der Knechtschaft alle zugleich; und wenn ein heiterer Himmel den Reges fernhält, dann haben alle unter der gleichen Trockenheit zu leiden; und wenn das Schiff an einem Felsenriff zerschellt, so ist der Schiffbruch für alle Insassen ohne Ausnahme gemeinsam. Und so haben wir auch die Augenschmerzen, die Fieberanfälle und die allgemeine Gliederschwäche mit den anderen gemeinsam, solange wir in der Welt dieses Fleisch gemeinsam an uns tragen.

Ja, sie haben sogar noch schlimmere Anfechtungen in der Welt zu gewärtigen als die Ungläubigen

Ja, im Gegenteil, wenn der Christ erkennt und daran festhält, unter welcher Bedingung, unter welcher Voraussetzung er zum Glauben gelangt ist, so wird er wohl wissen, daß er noch Schlimmeres als die anderen in der Welt ertragen muß, da er mehr als sie gegen die Anfechtungen des Teufels zu ringen hat. Die göttliche Schrift belehrt und mahnt uns im voraus mit den Worten: "Mein Sohn, wenn du in den Dienst Gottes trittst, so stehe fest in der Gerechtigkeit und Furcht und bereite deine Seele auf Versuchung!" und abermals: ,,Im Schmerz halte aus und in deiner Erniedrigung habe Geduld; denn Gold und Silber wird im Feuer bewährt" .

Hierin sollten uns die frommen Dulder Job und Tobias zum Vorbild dienen

So ließ sich Job nach dem Verlust seiner ganzen Habe, nach dem Tod seiner Lieblinge, als er auch noch mit Geschwüren und Würmern schwer heimgesucht wurde, dadurch nicht bezwingen, sondern er bewährte sich, er, der inmitten seiner Kämpfe und Leiden die Geduld seines gottergebenen Sinnes zeigte und sprach: "Nackt bin ich aus der Mutter Schoß hervorgegangen, nackt werde ich auch unter die Erde gehen. Der Herr hat gegeben, und der Herr hat genommen. Wie es dem Herrn gefallen hat, so ist es geschehen. Gepriesen sei der Name des Herrn!" 

Und als ihn auch sein Weib dazu antrieb, in murrenden und vorwurfsvollen Worten sich gegen Gott zu ergehen, nachdem er die Gewalt des Schmerzes nicht mehr zu ertragen vermöge, da antwortete er und sagte: "Wie eine von den törichten Weibern hast du gesprochen. Haben wir das Gute aus der Hand des Herrn angenommen, sollten wir dann nicht auch das Böse ertragen? In diesem allem, was ihm widerfuhr, versündigte sich Job mit seinen Lippen nicht im Angesicht des Herrn" . Deshalb stellt ihm auch Gott der Herr das Zeugnis aus und sagt [zum Satan]: "Hast du acht gehabt auf meinen Knecht Job? Denn keiner ist ihm gleich auf Erden, ein Mann ohne Klägerin wahrer Verehrer Gottes" . 

Und auch als Tobias nach den herrlichen Werken, nach den vielen Ruhmestaten seiner Barmherzigkeit an seinen Augen mit Blindheit geschlagen wurde, da fürchtete und pries er Gott in seinem Unglück und wuchs so gerade durch die Heimsuchung seines Körpers zu noch höherem Ruhme empor. Auch ihn suchte sein Weib zu verleiten mit den Worten: "Wo ist nun deine Gerechtigkeit? Sieh nur, was du leidest!" Aber er blieb standhaft und fest in der Furcht Gottes, und durch seinen treuen Glauben dazu gewappnet, alles Leid zu ertragen, gab er der Versuchung seines schwachen Weibes trotz seines Schmerzes nicht nach, sondern erwarb sich bei Gott durch noch größere Geduld noch mehr Verdienste. Ihn lobt später der Engel Raphael und sagt: "Die Werke Gottes zu offenbaren und zu bekennen, ist ehrenvoll. 

Denn als du betetest und Sarra, brachte ich das Gedächtnis eures Gebetes vor das Angesicht der Herrlichkeit Gottes. Und als du die Toten ohne Arg begrubest und weil du nicht säumtest, aufzustehen und dein Mahl zu verlassen, sondern hingingst und den Toten bestattetest, bin ich auch gesandt worden, dich zu versuchen. Und wiederum hat mich Gott gesandt, dich zu heilen und Sarra, deine Schwiegertochter. Denn ich bin Raphael, einer von den sieben heiligen Engeln, die wir stehen und wandeln vor der Herrlichkeit Gottes" .

Fortsetzung folgt


Jesus segne Dich!