Mittwoch, 2. Juli 2014

Überwindest Du ... Teil 2


... oder wirst Du überwunden?

Es folgt nun der zweite Teil des Gastbeitrages von Hans Hauser. 



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»Denn ich weiß nicht, was ich tue. Denn ich tue nicht, was ich will; sondern was ich hasse, das tue ich. Wenn ich aber das tue, was ich nicht will, so gebe ich zu, dass das Gesetz gut ist. So tue nun nicht ich es, sondern die Sünde, die in mir wohnt. Denn ich weiß, dass in mir, das ist in meinem Fleisch, nichts Gutes wohnt. Wollen habe ich wohl, aber das Gute vollbringen kann ich nicht. Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich. Wenn ich aber tue, was ich nicht will, so tue nicht ich es, sondern die Sünde, die in mir wohnt. So finde ich nun das Gesetz, dass mir, der ich das Gute tun will, das Böse anhängt. Denn ich habe Lust an Gottes Gesetz nach dem inwendigen Menschen. Ich sehe aber ein anderes Gesetz in meinen Gliedern, das widerstreitet dem Gesetz in meinem Gemüt und hält mich gefangen im Gesetz der Sünde, das in meinen Gliedern ist. Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von diesem Tod verfallenen Leibe? «

Paulus hätte die Erfahrung, die wir in der Vergangenheit als vorgebliche Kinder Gottes gemacht haben, nicht besser schildern können. Wie oft sagen Menschen, wenn sie diese Worte hören: »Das ist genau meine Erfahrung! Das hat Paulus über mich geschrieben. «

Beim Lesen dieser Schriftstelle sieht man, dass Paulus alle ersten Schritte zu Christus gegangen war. Sein mehrfaches Geständnis, dass er die Forderungen des Gesetzes nicht erfüllt hatte, macht deutlich, dass er das Gesetz kannte und seinen eigenen Zustand im Verhältnis dazu sah. Etwas weiter vorne in dem Kapitel bezeugt er dies ganz direkt: »So ist also das Gesetz heilig, und das Gebot ist heilig, gerecht und gut. « Römer 7,12.

In Vers 14 sagt er: »Denn wir wissen, dass das Gesetz geistlich ist. « Wie wir in diesem Studium bereits festgestellt haben, geht die Erkenntnis des Gesetzes mit einer Erkenntnis unseres eigenen Zustands einher. Deshalb fügt Paulus der Aussage: »Denn wir wissen, dass das Gesetz geistlich ist«, sofort hinzu: »ich aber bin fleischlich, unter die Sünde verkauft«.

Wenn solch eine Überführung nicht unterdrückt wird, bewirkt sie immer Reue. Zweifellos hatte Paulus zu diesem Zeitpunkt die Gabe der Reue empfangen, denn er hasste die Sünde, wie er bezeugt: »Was ich hasse, das tue ich. « Außerdem wendet er sich mit aller Entschlossenheit von ihr ab. Es gibt keinen Zweifel daran, dass das echte Reue ist.

Mit der Reue geht das Bekenntnis einher. Tatsächlich ist diese ganze Schriftstelle nichts anderes als ein Bekenntnis.

Offensichtlich hat Paulus in seinem Streben nach Erlösung an dieser Stelle die ersten vier Schritte auf dem Weg zu Christus erfahren: Erkenntnis, Überführung, Reue und Bekenntnis. Genauso offensichtlich hat er jedoch noch keine Befreiung von der Sünde erfahren, und folglich hat er auch noch keine Erlösung. Es ist sehr wichtig, diesen Punkt zu sehen; denn die Gefahr besteht, dass wir denken, die Erlösung sei uns gewiss, weil wir diese Schritte gegangen sind oder weil wir meinen, sie gegangen zu sein. Aus dem Bibeltext geht jedoch deutlich hervor, dass man noch ein Sklave der Sünde sein kann, obwohl man alle diese Schritte zumindest in einem bestimmten Ausmaß gegangen ist; das heißt, man ist trotzdem immer noch unter der Macht des Sünden Herrn, der uns gegen unseren Willen beherrscht. Das ist tatsächlich ein fortwährendes Sündigen und Bekennen, Sündigen und Bekennen, wobei es sich Jahr für Jahr um dieselben Sünden dreht, die uns anhängen. Es ist das Leben eines Sklaven der Sünde, der gegen besseres Wissen und trotz seines Wunsches, es besser zu machen, unterdrückt wird.

Wenn jemand eine Erkenntnis der Wahrheit Gottes erlangt hat, seiner Sünden überführt wurde, sie bereut und bekannt hat, dann ist er geneigt, zu glauben, er habe Erlösung gefunden, obwohl er immer noch ein Sklave seiner alten sündigen Natur ist. Das Zeugnis, das Paulus in Römer 7 gibt, ist ihm nur eine weitere Bestätigung dafür. 

Es ist zweifellos möglich, aus dem Erfahrungsbericht des Paulus eine solche Schlussfolgerung zu ziehen, dennoch ist sie falsch. Sie ergibt sich aus der folgenden Denkweise: Paulus war ein großer Gottesmann, der das Evangelium und den Erlösungsplan verstand. Er wird in Gottes Reich sein, und doch sagte er, dass er »fleischlich, unter die Sünde verkauft« und ein Sklave der Sünde war. Er tat nicht, was er als richtig erkannte, sondern stellte fest, dass er gerade die Dinge tat, von denen er wusste, dass sie falsch waren. Wenn Paulus als ein wirklicher Christ, der die Hoffnung der Erlösung besaß, solch eine Erfahrung hatte, dann müssen wir erwarten, dass unsere christliche Erfahrung auch dieser Beschreibung aus Römer 7 entspricht.

Mit anderen Worten, es wird allgemein geglaubt, dass die Erfahrung des Menschen aus Römer 7 die Erfahrung eines wirklich wiedergeborenen Gotteskindes ist.

Doch hier liegt der Fehler: Paulus beschreibt in Römer 7 nicht, wie seine Erfahrung aussah, nachdem er ein Christ geworden war. Vielmehr berichtet er, was er erlebte, als er noch auf dem Weg war, ein siegreicher Christ zu werden.

Das ist der Mensch aus Römer 7. Er ist nicht der willige Sünder der Welt, der sich um Gott und die Ewigkeit nur wenig kümmert. Wir wissen, dass ein weltlicher Mensch nicht bei der Auferstehung der Gerechten dabei sein wird, sofern er sich nicht ändert. Doch wie verhält es sich mit dem Menschen aus Römer 7? Das ist die Frage, und sie ist von größter Wichtigkeit.

Die Vorstellung, dass Paulus in Römer 7 sein Leben als Christ beschreibt, ist nur ein Faktor, der zu der Schlussfolgerung führt, dass dieses Kapitel die wahre christliche Erfahrung schildert. Daneben gibt es noch zwei weitere Faktoren, die einen mächtigen Einfluss in die gleiche Richtung ausüben. Der erste Faktor ist das Zeugnis unseres eigenen Lebens als treues Glied einer Religionsgemeinschaft, in dem wir die gleiche Erfahrung gemacht haben, die in Römer 7 beschrieben wird. Wir denken an all die Opfer, die wir für die Wahrheit gebracht haben, und wir sind kaum bereit, zuzugeben, dass das alles umsonst gewesen sein soll.

Außerdem denken wir an all unsere Lieben, von denen wir wissen, dass sie in der Erfahrung von Römer 7 gestorben sind. Natürlich haben wir gehofft, sie im Reich Gottes wiederzusehen. Doch die Erkenntnis, dass der Mensch aus Römer 7 kein Kind Gottes ist, lässt uns befürchten, dass wir sie nicht wiedersehen werden. Ich habe erlebt, wie Menschen allein aus diesem Grund an der Überzeugung festhielten, dass der Mensch aus Römer 7 ein wahres Kind Gottes sein muss. Sie wollten nicht einsehen, dass eine Tatsache eine Tatsache bleibt, ganz gleich, was sie glauben würden. Indem man sich weigert, diesen Tatbestand anzuerkennen, ändert man nicht das Geringste an der Situation.

So stellt sich nun die Frage in ihrer ganzen Tragweite: Ist die Erfahrung aus Römer 7 die eines wahren Gotteskindes oder nicht?

Bei der Beantwortung dieser Frage bieten sich gewöhnlich drei Möglichkeiten. Es gibt Leute, die ohne zu zögern sagen, dass ein Mensch mit dieser Erfahrung bei der Auferstehung der Gerechten dabei sein wird. Andere sind sich darüber nicht so sicher, und wieder andere sagen, dass der Mensch nicht dabei sein wird, wenn er in diesem Zustand stirbt.

Diese widersprüchlichen Antworten beweisen, dass es im Allgemeinen unklar ist, ob Römer 7 die Erfahrung der Erlösten beschreibt oder nicht. Doch es ist außerordentlich wichtig, dass jeder, der nach dem ewigen Leben trachtet, ein eindeutiges Verständnis über diese Frage hat. Dafür gibt es einen guten Grund. In was für einer Gefahr befindet sich der Mensch, der zwar weiß, dass er in der Römer-7-Erfahrung lebt, der diesen Zustand aber zugleich für die normale Erfahrung eines Christen hält, obwohl das 15

tatsächlich nicht stimmt! Er wird nicht nach etwas Besserem suchen, sondern sich mit dem Zufriedengeben, was er hat. Das ist genau das Problem von Laodizäa. Doch nur wer sucht, der findet! Wer also nichts Weiteres sucht, der wird auch nichts Weiteres finden! Was für ein schreckliches Erwachen erwartet diesen Menschen am großen Tag der Vergeltung, wenn er feststellen muss, dass er sich auf eine falsche Hoffnung gestützt hat! Es gibt nichts Schlimmeres als die Enttäuschung eines Menschen, der sein ganzes Leben davon überzeugt war, dass er sich auf dem richtigen Weg befand und der dann zu spät erkennen muss, dass das, was er als Erlösung angesehen hat, gar keine Erlösung ist.

Wenn es darum geht, diese Frage zu klären, dürfen menschliche Auslegungen und Auffassungen auf keinen Fall zurate gezogen werden. Allein das Wort Gottes ist maßgebend. Nur hier kann die Antwort gefunden werden, nirgendwo anders. Und wenn man die Antwort im Wort Gottes gefunden hat, muss man sie gläubig annehmen, weil dies das Wort Gottes ist, das zu unserer Erlösung gegeben wurde.

Zweifellos befindet sich der in Römer 7 beschriebene Mensch in einer Knechtschaft. Er weiß, was er tun sollte, aber es ist ihm unmöglich, dies zu tun. Er ist keineswegs ein williger Sünder, sondern ein Sünder gegen seinen Willen. Aber trotzdem ist er ein Sünder. Er dient der Macht der Sünde, was bedeutet, dass er in Satans Dienst steht.

Wenn er Satan dient, kann er nicht Gott dienen, denn es steht geschrieben: »Niemand kann zwei Herren dienen: Entweder er wird den einen hassen und den ändern lieben, oder er wird an dem einen hängen und den ändern verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon. « Matthäus 6,24.

Doch wie kann er ein Kind Gottes sein, wenn er Gott nicht dient? Das ist unmöglich. Und wenn er kein Kind Gottes ist, wie kann er dann Erlösung haben? Wieder muss man sagen, dass dies nicht möglich ist. Diese Tatsache macht es also offensichtlich, dass der Mensch in Römer 7 keine Erlösung hat.

Natürlich ist das nur ein einzelner Beweis. Und obwohl dieser Beweis klar und überzeugend ist, reicht er doch nicht aus, denn die Schrift sagt, dass »jede Sache durch den Mund von zwei oder drei Zeugen bestätigt« werden soll. Matthäus 18,16. Deshalb wollen wir noch weitere biblische Beweise erbringen.

In den letzten Versen von Römer 7 schließt Paulus seinen Erfahrungsbericht, in dem er sich als ein Sklave der Sünde beschrieben hat. Diese Erfahrung führt ihn zu hoffnungsloser Verzweiflung, weshalb er schließlich ausruft: »Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von diesem todverfallenen Leibe? «

»Ist das eine wahre christliche Erfahrung — ein dem Tod verfallener Leib, der die Seele so schrecklich bedrängt, dass sie nach Befreiung schreit?

Wahrlich nicht!... Befreit Christus von einer wahren christlichen Erfahrung? Gewiss nicht! Demnach ist die Knechtschaft der Sünde, über die Paulus in Römer 7 klagt, keineswegs die Erfahrung eines Gotteskindes, sondern die eines Dieners der Sünde. Christus kam, um die Menschen aus dieser Gefangenschaft zu befreien — er kam nicht, um uns in diesem Leben von Kampf und Auseinandersetzungen zu befreien, sondern von Niederlagen. Er kam, um uns zu befähigen, stark zu sein in dem Herrn und in der Macht seiner Stärke (Epheser 6,10), sodass wir dem Vater danken können, denn >er hat uns errettet von der Macht der Finsternis und hat uns versetzt in das Reich seines lieben Sohnes< (Kolosser 1,13), durch dessen Blut wir Erlösung haben. «

Das Argument, das E.J. Waggoner hier vorbringt, lautet, dass Christus uns niemals von einer wahren christlichen Erfahrung befreien würde. Paulus aber bittet um Befreiung von der in Römer 7 beschriebenen Erfahrung. Allein die Tatsache, dass Paulus so bittet, während Christus niemals von einer wahren christlichen Erfahrung befreien würde, liefert uns einen eindeutigen Beweis dafür, dass die in Römer 7 beschriebene Erfahrung nicht die Erfahrung eines wahren Kindes Gottes ist. Das ist der zweite Zeuge.
Wenden wir uns nun dem dritten Zeugen zu.

Paulus war ein Mensch, der nicht nur wusste, dass allein in Gott Erlösung zu finden ist, sondern der auch verstand, dass das Evangelium die Kraft Gottes zur Rettung von Sünde ist. Sobald er in diesem starken Glauben nach Befreiung schrie, indem er fragte: »Wer wird mich erlösen? «, konnte er auch schon sagen: »Dank sei Gott durch Jesus Christus, unsern Herrn! « Römer 7,25.

Augenblicklich ändert sich das ganze Bild. In einer kurzen Rückschau fasst er die Erfahrung aus Römer 7 zusammen, indem er sagt: »So diene ich nun mit dem Gemüt dem Gesetz Gottes, aber mit dem Fleisch dem Gesetz der Sünde. « Diese Worte sind eine exakte Beschreibung von dem Mann in Römer 7. Er weiß, was richtig ist und entschließt sich verstandesmäßig dazu, Gott zu dienen. Mit seinem Verstand glaubt er die Wahrheiten Gottes und verspricht, dem Herrn treu zu sein. Verstandesmäßig gibt er sich dem Dienst Gottes hin. Doch in den tatsächlichen Handlungen seines Lebens ist er der Sünde ergeben, obwohl er von seinem Verstand her weiß, dass es falsch ist, und obwohl er sich danach sehnt, anders zu handeln.

Dieser knappen Zusammenfassung folgt die Beschreibung einer völlig veränderten Situation. Auf sein verzweifeltes Flehen hin hat Paulus Befreiung empfangen und ist nun von Dankbarkeit erfüllt: »So ist nun nichts Verdammliches an denen, die in Christo Jesu sind, die nicht nach dem Fleisch wandeln, sondern nach dem Geist. Denn das Gesetz des Geistes, der da lebendig macht in Christo Jesu, hat mich frei gemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes. « Römer 8,1.2 (Luther-Übersetzung von 1912).

Im ganzen achten Kapitel spricht Paulus nur noch von Freiheit, Sieg und Gotteskindschaft und schließt mit dem triumphierenden Zeugnis: »Aber in dem allen überwinden wir weit durch den, der uns geliebt hat. Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.« Römer 8,37-39.

Es ist unmöglich, das siebte und achte Kapitel des Römerbriefes zusammen zu lesen, ohne dabei zu sehen, dass es sich hier in der Tat um zwei völlig verschiedene Erfahrungen handelt. Römer 7 zeigt die Erfahrung eines Sklaven, der gezwungen ist, gegen seinen Willen die Werke der Sünde zu tun. Römer 8 dagegen beschreibt die Geschichte eines Menschen, der von der Sündenmacht befreit worden ist und das tun kann, was er als richtig erkannt hat und was er tun will. Diese Kapitel können unmöglich beide die christliche Erfahrung beschreiben. Sie wird entweder in dem einen oder in dem anderen Kapitel beschrieben, aber nicht in beiden. Vielleicht ist es manch einem schwergefallen, zu sehen, dass der Zustand des Menschen in Römer 7 nicht die Erfahrung eines Kindes Gottes ist; doch wenn es um das achte Kapitel geht, sollte niemand Schwierigkeiten haben. 

Jeder sollte in der Lage sein, zu sehen, dass hier tatsächlich die Erfahrung eines Christen beschrieben wird. Dem ersten Vers zufolge gibt es keine Verdammnis mehr; der zweite Vers sagt, dass der Mensch von dem Gesetz der Sünde und des Todes frei gemacht ist; in Vers 4 heißt es, dass die vom Gesetz geforderte Gerechtigkeit in ihm erfüllt ist und dass er nicht mehr nach dem Fleisch lebt, sondern nach dem Geist; wie die Verse 14-17 beschreiben, ist er ein Kind Gottes und folglich ein Erbe, ein Miterbe Christi; und in Vers 37 steht, dass er weit überwindet durch den, der uns geliebt hat.
Das ist die Erfahrung eines Christen. Keiner sollte auch nur die geringsten 17

Schwierigkeiten haben, dies zu erkennen. Doch wie groß ist der Unterschied zwischen der Erfahrung, die hier geschildert wird, und der in Römer 7 beschriebenen Erfahrung! Wenn also Römer 8 die Erfahrung eines Christen beschreibt, dann muss Römer 7 etwas anderes beschreiben; es kann unmöglich die Beschreibung einer wahren christlichen Erfahrung sein.

Aber das sind noch nicht alle Zeugnisse, die diese Tatsache beweisen. Am Ende des siebten Kapitels schreit Paulus nach Erlösung, und als der große Wandel statt gefunden hat, dankt er dem Herrn dafür. Gleich darauf legt er das Zeugnis ab: »So gibt es nun keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind ... Die wir nun nicht nach dem Fleisch leben, sondern nach dem Geist. « Römer 8,1.4.

An diesem Punkt sollte man die Bedeutung von zwei Wörtern betonen, die in diesem Satz enthalten sind. Das sind die Wörter »so« und »nun«. Das Wort »so« verwendet Paulus im Aufbau seiner Argumente sehr oft. Immer wieder benutzt er es als stilistisches Mittel, wenn er bestimmte Tatsachen dargelegt hat und nun die Schlussfolgerungen daraus ziehen will. Um seine Schlussfolgerungen einzuleiten, benutzt er das Wort »so« und sagt damit eigentlich: Aufgrund der eben dargelegten Tatsachen muss das folgen, was jetzt kommt.

In dem Fall, der uns augenblicklich beschäftigt, hat Paulus gerade berichtet, dass er die schreckliche Erfahrung der Knechtschaft unter der Macht der Sünde erlebt, dass er um Erlösung gefleht und sie empfangen hat. Weil dies vollbracht ist, folgt jetzt eine Tatsache, die andernfalls unmöglich gewesen wäre: »So gibt es nun keine Verdammnis. « Das Wörtchen »nun« verleiht seiner Aussage zusätzliche Kraft, denn es deutet darauf hin, dass ein Wandel stattgefunden hat. Vorher bestand eine bestimmte Situation, die sich nun aber geändert hat.
Um wirklich sicherzugehen, dass jeder versteht, warum es nun keine Verdammnis mehr gibt, fügt er noch hinzu: »Denn das Gesetz des Geistes, der lebendig macht in Christus Jesus, hat mich frei gemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes.« Römer 8,2.

In Römer 7 musste er ein völlig anderes Zeugnis ablegen. Dort war er alles andere als frei von dem Gesetz der Sünde und des Todes. Nun ist er frei, und deshalb gibt es keine Verdammnis mehr. Damit gibt Paulus zu, dass er unter der Verdammnis stand, als er noch nicht frei war von dem Gesetz der Sünde und des Todes.
Es gibt ein einzelnes Wort, das den Ausdruck »keine Verdammnis« sinngleich beschreibt, nämlich das Wort »Rechtfertigung«.

Wie wir nun gesehen haben, gibt es keine Verdammnis für den, der von dem Gesetz der Sünde und des Todes erlöst ist, das heißt, für den, der aus der Knechtschaft von Römer 7 zu der Freiheit von Römer 8 gekommen ist. Das bedeutet, dieser Mensch ist gerechtfertigt. Es bedeutet aber auch, dass es in Römer 7 Verdammnis und folglich keine Rechtfertigung gibt. Das wiederum heißt, dass der Mensch von Römer 7 weder Rechtfertigung noch Vergebung hat. Doch wenn er diese Dinge nicht hat, wie kann er dann an der Auferstehung der Gerechten teilhaben?

Die Tatsache, dass der Mensch aus Römer 7 keine Erlösung hat, wird an vielen Stellen bezeugt, und obwohl wir noch lange nicht alle Zeugnisse angeführt haben, die es gibt, reichen die dargelegten Beweise doch völlig aus, um den Punkt deutlich zu machen.
An dieser Stelle sollte der Leser ehrlich überdenken, was das in Hinsicht auf seine eigene Erfahrung bedeutet. Wenn er bezeugen kann, dass Römer 7 seinen geistlichen Zustand genau beschreibt, dann muss er sich eingestehen, dass er keine Erlösung von Sünde hat; sollte er in diesem Zustand sterben, könnte er nicht an der ersten Auferstehung teilhaben.

Wer schon seit Jahren ein treues Gemeindeglied ist, sich eifrig an den Aktivitäten seiner Gemeinde beteiligt, ihre Überzeugungen teilt und das Werk freigebig unterstützt und wer außerdem bei seinen Nachbarn einen guten Ruf genießt, aber trotz allem in der Erfahrung von Römer 7 lebt, muss sich zutiefst getroffen fühlen, wenn ihm bewusst wird, dass er keine Erlösung hat. Dennoch ist diese Erkenntnis unerlässlich. Es ist lebensnotwendig, dass wir unseren wahren Zustand erkennen, damit wir die Schritte gehen können, durch die wir das erlangen, was der Herr für uns bereithält.

Es gibt zwei Möglichkeiten, wie man auf diese Erkenntnis reagieren kann. Der Mensch neigt natürlicherweise dazu, alles abzulehnen, was seine vorgefassten und festgegründeten Überzeugungen durcheinanderbringt. Nachdem man sich so lange in der angenehmen und doch falschen Sicherheit gewiegt hat, dass alles in Ordnung sei, ist man stark geneigt, seine Augen vor der Wahrheit über sich selbst zu verschließen. Man möchte die Wahrheit nicht wahrhaben. Deshalb steht man in der Gefahr, sich lieber dem zuzuwenden, was einem annehmbarer und angenehmer erscheint.

Wenn man dieser Versuchung Raum gibt, kommen einem plötzlich viele Argumente in den Sinn, die den Beweisen des Wortes Gottes allesamt zu widersprechen scheinen. »Natürlich bin ich ein Christ! «, wird man eilig sagen. »Sieh nur, was ich alles aufgegeben habe, um Christus zu folgen! Schau doch, wie gut ich die Bibel kenne, wie viel Zeit ich im Studium und im Gebet verbringe, was für eine geachtete Stellung ich in der Gemeinde habe und ... und .. . und . . .«

Man kann kaum einen verhängnisvolleren Fehler begehen! Es hat schon viel zu viele Menschen in der Geschichte gegeben, die ihr ewiges Leben verspielt haben, weil sie an diesem Punkt nicht den Mut und die Ehrlichkeit besaßen, die Wahrheit über sich selbst anzunehmen. Als Ergebnis davon konnte der Geist Gottes nichts mehr für sie tun, und die Eindrücke verloren sich wieder.

Die andere Reaktion, die ein Mensch erfahren kann, ist tiefe Verzweiflung. Solch ein Mensch ist ehrlich genug, um zuzugeben, dass das Wort Gottes wahr ist, wenn es ihm deutlich offenbart, dass er bislang keine Erlösung hatte. Das Gefühl, verloren und verdammt zu sein, überwältigt ihn, und er meint, für immer von Gott getrennt bleiben zu müssen.

Wenn der Leser an dieser Stelle so empfindet, dann sollte er wissen, dass ihm nichts Besseres passieren kann. Der Geist Gottes hat ihn an diesen Punkt gebracht. Der Geist Gottes weiß, wie notwendig es ist, dass der Mensch seinen wahren Zustand erkennt. Es ist von größter Wichtigkeit, dass das falsche Gefühl der Sicherheit zerstört wird; denn nur so kann Gottes Geist das nächste Werk für den Menschen tun. Zu viele leben in dem Zustand Laodizeas, der in Offenbarung 3,14-22 beschrieben wird. Sie wissen nicht, dass sie elend und jämmerlich, arm, blind und bloß sind.

Viele, sehr viele, die den Namen Christi annehmen, sind ungeheiligt und unheilig. Sie sind zwar getauft, doch lebendig begraben worden. Sie sind dem Ich nicht abgestorben und daher nicht zu einem neuen Leben in Christus auferstanden." 

Doch sie müssen es wissen, sonst werden sie in ihrer falschen Sicherheit weiterschlummern, bis es zu spät ist. Darum sei guten Mutes und freue dich, wenn du an den Punkt gelangt bist, wo du dich selbst völlig verloren siehst!

Freue dich, denn es gibt einen Weg der Befreiung aus der Macht der Sünde! Du brauchst nicht in dem Zustand von Römer 7 zu bleiben, wo du immer wieder Niederlagen und Enttäuschungen erlebst, sooft du dem lebendigen Gott ernsthaft und aufrichtig dienen willst. Dieser Weg der Befreiung ist kein Geheimnis. Es ist nicht der Sinn und Zweck dieser Schrift, den Leser lediglich an den Punkt der Verzweiflung zu bringen, ohne ihm dann den sicheren Weg der Befreiung zu erklären, der ihn zur Freude der Erlösung führt. Deshalb wird er dringend gebeten, dieses Thema weiter zu studieren, bis sein Glaube die Kraft Gottes ergreift und er geheilt ist.

Nachdem es sich nun erwiesen hat, dass der Mensch aus Römer 7 gewiss kein Christ ist, müssen wir noch verstehen, warum er das Gesetz nicht halten kann, obwohl er es doch kennt und es auch halten will. Das Verständnis über diesen Punkt stellt einen entscheidenden Teil in der Lösung des Problems dar.

Die Natur des Menschen

Um das Sündenproblem zu verstehen, muss man die Natur des Menschen kennen. Der Mensch ist zweifellos ein komplexes Lebewesen, bestehend aus verschiedenen Teilen, die alle in einer engen Wechselbeziehung zueinander stehen. Ohne diese Wechselbeziehung zu leugnen, muss man allerdings zwischen den Hauptteilen unterscheiden, indem man die verschiedenen Funktionen in Betracht zieht, die jeder Teil hat.

Zunächst einmal besitzt jeder von uns einen Verstand, mit dem er denken und intelligent urteilen kann. Durch die fünf Sinne — Hören, Sehen, Riechen, Schmecken und Tasten — nimmt der Verstand Information auf. Auf diesem Weg gelangen auch die Botschaften Gottes zu dem Menschen und zeigen ihm seinen persönlichen Zustand, sein Bedürfnis und das, was Gott für ihn tun will.

Der Verstand nimmt aber nicht alles an, was ihm übermittelt wird. Manche Dinge weist er ab, wofür es verschiedene Gründe gibt. Er wird sogar die Wahrheit abweisen, die die Person am dringendsten benötigt, wenn er bereits dahin erzogen wurde, eine Lüge zu glauben, oder wenn die Annahme der Wahrheit Unbequemlichkeit und Opfer einschließt.

Um dies zu tun, muss der Verstand abwägen und Schlüsse ziehen. Aus diesen Schlussfolgerungen ergeben sich wiederum Entscheidungen, und den Entscheidungen folgen entsprechende Taten. Das ist die Willensbildung.
Wenn der Verstand seine Aufgaben alle erfüllt hat, wird der Körper aufgefordert zu gehorchen, das heißt, er muss die Entscheidungen, die der Verstand getroffen hat, ausführen. Für dieses Studium genügt es, wenn wir verstehen, dass der Leib die Rolle eines Werkzeugs einnimmt, das dazu bestimmt ist, die Absichten des menschlichen Verstandes zu verwirklichen. Erst später, wenn der Betrachter mehr über das Werk der Reformation studiert, das der Erfahrung der Wiedergeburt folgt, wird er verstehen müssen, dass der Körper auch Druck auf den Verstand ausüben kann, um dadurch die Befriedigung seiner Bedürfnisse nach Bequemlichkeit und Selbsterhaltung sicherzustellen.

Die Tatsache, dass der Körper ein Werkzeug ist, wird in den folgenden Worten deutlich zum Ausdruck gebracht: »Stellt auch nicht eure Glieder der Sünde zur Verfügung als Werkzeuge der Ungerechtigkeit, sondern stellt euch selbst Gott zur Verfügung als Lebende aus den Toten und eure Glieder Gott zu Werkzeugen der Gerechtigkeit. « Römer 6,13 (Elberfelder Übersetzung).

Gewiss fällt es niemandem schwer, zu verstehen, dass der Körper ein Diener des Verstandes sein sollte. Das folgende Beispiel ist eine einfache Veranschaulichung: Aufgrund der Information, die ein Mensch in seinem Verstand aufgenommen hat, ist er zu dem Entschluss gekommen, an einen ändern Ort zu reisen. Durch bereits gespeicherte Information weiß dieser Mensch, dass er als erstes zum Bahnhof gehen muss. Es ist dem Verstand allein nicht möglich, dorthin zu gehen; doch er kann die Glieder des Körpers, in diesem Fall die Füße und Beine, auffordern, den Menschen zum Bahnhof zu tragen. Und genau das geschieht: Der Körper führt die Anweisung des Verstandes aus.

Man könnte noch viele andere Beispiele anführen, um die Funktionstüchtigkeit dieser Einrichtung zu zeigen. Jeder Mensch kennt diese Zusammenhänge aus seinem täglichen Leben; aber der Mensch, der in Römer /beschrieben wird, hat eine andere Erfahrung; sein Körper tut nicht immer das, was sein Verstand ihm gebietet. Vers 15 erklärt das ganz deutlich: »Denn was ich vollbringe, billige ich nicht; denn ich tue nicht, was ich will, sondern was ich hasse, das übe ich aus. «(Schlachter-Übersetzung.)

Das, was getan wird, wird von dem Körper und durch den Körper getan, wobei dieser nur als Werkzeug dient. Aber in dem erwähnten Fall wird die Tat nicht gebilligt; das, was der Mensch tun möchte, führt der Körper nicht aus und tut statt dessen genau das, was der Mensch hasst. Es ist offensichtlich, dass dieser Hass von dem Verstand ausgeht, der in der Lage ist, zu denken und zu urteilen. Von seinem Verstand her will der Mensch nicht. Die Situation, die hier beschrieben wird, ist deutlich: Der Verstand weiß, was getan werden sollte, und er möchte, dass es getan wird; erweist die Glieder des Körpers an, genau das zu tun, aber zu seiner Bestürzung muss er feststellen, dass der Körper etwas anderes tut, als was er ihm gebietet. Es sollte niemandem schwerfallen, dies zu verstehen, denn gewiss hat jeder zum einen oder anderen Zeitpunkt dasselbe erfahren. Derjenige, der im Augenblick noch in der Erfahrung von Römer 7 steht, weiß sogar sehr genau, wovon wir sprechen. Vielleicht hat er sich gerade entschlossen, nie wieder hastige und böse Worte an einen Menschen zu richten. Er meint es wirklich aufrichtig. Er setzt seine ganze Willenskraft ein, und eine Zeit lang geht es auch gut. Doch dann kommt der Zeitpunkt, wo die Zunge, jenes unbezähmbare Glied, seinem Nächsten erneut die bittersten Vorwürfe entgegen schleudert. Wie enttäuscht ist er von sich selbst, wenn der Sturm vorüber ist!
Der Mensch aus Römer 7 weiß zweifellos, was richtig ist. Er kennt das Gesetz Gottes und freut sich über die großen Wahrheiten aus Gottes Wort. In Vers 18 sagt er: »Das Wollen ist zwar bei mir vorhanden, aber das Vollbringen des Guten gelingt mir nicht. « Damit stellt sich uns die Frage, wie es kommt, dass der Körper in der Situation, die in Römer 7 beschrieben wird, die Anweisungen des Verstandes nicht ausführt, so wie es ihm als Werkzeug zukäme. Es muss einen bestimmten und eindeutigen Grund dafür geben; wenn wir diesen Grund kennen und verstehen, sind wir der Lösung des Problems einen entscheidenden Schritt näher gekommen.

Die Situation in Römer 7 ist nicht richtig. Gott schuf den Menschen nicht mit der Absicht, dass sein Körper gegen seinen Verstand rebellieren sollte. Nach Gottes Plan bekam der Mensch einen Körper als Werkzeug, der die Wünsche des Verstandes ausführen und dem Willen gehorchen sollte. In Römer 7 wird dieser Plan nicht verwirklicht, während er in Römer 8 zur Geltung kommt.

Dort ist der Gläubige in der Lage, mit seinem Werkzeug das auszuführen, was er als richtig erkannt hat.
Im Allgemeinen wenden die Menschen an dieser Stelle ein, dass der Wille das Problem ist. Wie sie meinen, ist er zu schwach, um den Leib richtig zu unterwerfen. Folglich halten sie es für nötig, dass der Wille an Stärke und Entschiedenheit zunehmen muss, damit der Körper dem Verstand untertan wird. Doch ganz gleich, wie entschieden man sein mag, man wird doch feststellen müssen, dass sich die Situation nicht ändert. Die Antwort auf das Problem in diesem Zusammenhang ist nicht der stärkere Willen oder die größere Entschiedenheit. Sie liegt vielmehr in einem anderen Bereich des Menschen, den wir in unserem Studium bislang noch nicht erwähnt haben.

Jeder gesunde Mensch hat einen Verstand und einen Körper. Außerdem hat er noch einen dritten Bereich, der in seiner Lebenserfahrung eine bedeutende Rolle spielt. Diesen Bereich klar zu definieren und ihn von den anderen Bereichen unseres Wesens zu trennen, ist nicht ganz einfach, und tatsächlich gibt es viele Menschen, die seine gesonderte Existenz völlig abstreiten. Sie stellen ihn mit der menschlichen, fleischlichen Natur gleich und machen keinen Unterschied. Dies ist ein tragischer Irrtum, der ihre Befreiung aus den Händen des Feindes verhindert.

In dem Streben nach dem sicheren Sieg über die Sünde ist es also unerlässlich, diesen dritten Bereich unseres Wesens zu verstehen und ihn als gesondert zu betrachten; deshalb wollen wir nun einige Zeit mit dem Nachweis seiner Existenz verbringen und die Unterschiede aufzeigen, die zwischen diesem Bereich und der physischen menschlichen Natur bestehen. Paulus wies gerade im siebten Kapitel des Römerbrie-fes klar und deutlich auf alle drei Bereiche des Menschen hin. »Denn ich habe Lust an dem Gesetz Gottes nach dem inwendigen Menschen. Ich sehe aber ein anderes Gesetz in meinen Gliedern, das dem Gesetz meiner Vernunft widerstreitet und mich gefangen nimmt in dem Gesetz der Sünde, das in meinen Gliedern ist. «Römer7,22.23 (Schlachter-Übersetzung).

Man betrachte diesen Vers einmal sehr sorgfältig. Zuerst bezeugt Paulus, dass er nach dem inwendigen Menschen Lust an Gottes Gesetz hat. Diese Lust kann nur vom Verstand des Menschen ausgehen, mit dem er denkt und urteilt. Dass Paulus sich darauf bezieht, wird aus den Worten des nächsten Verses ersichtlich. »Ich sehe aber ein anderes Gesetz in meinen Gliedern, das dem Gesetz meiner Vernunft widerstreitet. « Während der Mensch von seinem Verstand her Lust am Gesetz Gottes hat, herrscht in seinen Gliedern ein anderes Gesetz, das gegen den Verstand streitet. Die Folge davon ist Knechtschaft; der Mensch wird in dem Gesetz der Sünde gefangengenommen, das in seinen Gliedern ist.

Man beachte, dass das Gesetz der Sünde nicht das Fleisch selbst ist, sondern etwas, das in diesem Fleisch wohnt, wie Paulus auch in Vers 17 zum Ausdruck brachte: »So tue nun nicht ich es, sondern die Sünde, die in mir wohnt. «

Das Gesetz der Sünde ist nicht die menschliche Natur aus Fleisch und Blut, sondern etwas anderes, das in dem Fleisch wohnt und es gegen den Willen des denkenden, erleuchteten Verstandes beherrscht. Auch andere Schriftstellen verdeutlichen diesen Gedanken: »Und ich will euch ein neues Herz und einen neuen Geist in euch geben und will das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben. « Hesekiel 36,26.

Was Paulus im Römerbrief »das Gesetz der Sünde« nennt, wird hier als »das steinerne Herz« bezeichnet. In Römer 7 wird es als etwas dargestellt, das im Fleisch wohnt, und die Verheißung in Hesekiel lautet, dass es aus unserm Fleisch weggenommen werden soll. Es wird aus denjenigen, denen der Herr Erlösung bringt, herausgenommen und von ihnen entfernt. Nachdem es vollständig entfernt ist, ist das Fleisch noch da; denn das Fleisch wird ja nicht weggenommen, sondern es wird etwas aus dem Fleisch herausgenommen. Daraus geht deutlich hervor, dass es drei Bereiche gibt. Es gibt den Verstand, das Fleisch und das Gesetz der Sünde oder das steinerne Herz, das in dem Fleisch wohnt und gegen den Willen des Verstandes darüber herrscht.

In Römer 8,7 wird dieser dritte Bereich als die Gesinnung des Fleisches beschrieben: » . . . weil die Gesinnung des Fleisches Feindschaft gegen Gott ist, denn sie ist dem Gesetz Gottes nicht Untertan, sie kann das auch nicht. « (Elberfelder Übersetzung.)

Dieser Text ist vermutlich einer der stärksten Beweise dafür, dass es einen dritten Bereich im Menschen gibt. Man beachte gut, was in dem Vers gesagt wird — eine Aussage, die sich keinesfalls auf das Fleisch oder die menschliche Natur beziehen kann. Während es zum Beispiel möglich ist, dass unser sündiges, gefallenes Fleisch ein Werkzeug zur Gerechtigkeit wird, indem es sich dem Gesetz Gottes unterordnet, kann die fleischliche Gesinnung niemals solch ein Werkzeug sein.

Die fleischliche Gesinnung ist nicht nur in Feindschaft gegen Gott, sondern sie ist selbst Feindschaft — ihr ganzes Wesen, ihre Natur, alles, was sie ist, ist Feindschaft gegen Gott. Wenn es nur darum ginge, dass sie sich in Feindschaft gegen Gott befindet, dann wäre eine Versöhnung möglich. Aber da sie in sich selbst Feindschaft gegen Gott ist, kann sie nie mit Gott versöhnt und dem Gesetz Gottes Untertan gemacht werden. Das ist einfach unmöglich.

Doch bei dem Fleisch ist das möglich. In Römer 6,13 fordert Paulus sogar alle bekehrten Menschen auf, ihre »Glieder Gott zu Werkzeugen der Gerechtigkeit« zur Verfügung zu stellen. (Elberfelder Übersetzung.)

Der Mensch hat also eine Natur oder Kraft in sich, die selbst Feindschaft gegen Gott ist und ihm nicht dienen kann, und er hat eine andere Kraft, die Gott dienen kann, nämlich das Fleisch. Demnach geht es hier nicht um ein und dieselbe Sache. Es müssen zwei verschiedene Dinge sein, denn das, was unfähig ist, dem Gesetz zu dienen, kann sich nicht gleichzeitig dem Dienst des Gesetzes als Werkzeug hingeben. Das ist unmöglich.

Die Gesinnung des Fleisches ist nichts anderes als das Gesetz der Sünde, das steinerne Herz oder die Macht der Sünde, die den Menschen gegen den Willen seines Verstandes beherrscht. Es ist nicht das Fleisch selbst, das den Verstand beherrscht; vielmehr unterliegt das Fleisch einer anderen Macht, und solange diese Macht Kontrolle ausübt, muss das Fleisch ihr gehorchen.

Diese Situation wird von Paulus im letzten Vers von Römer 7 treffend zusammengefasst: »So diene ich nun mit dem Gemüt dem Gesetz Gottes, aber mit dem Fleisch dem Gesetz der Sünde. « Römer 7,25. Damit macht er deutlich, dass an dem Menschen aus Römer 7 zwei Herren wirken. Auf der einen Seite steht der Herr der Wahrheit, dem der Verstand dienen möchte, während auf der anderen Seite das Gesetz der Sünde steht, dem das Fleisch als Sklave Untertan ist. Somit dienen Fleisch und Verstand zwei verschiedenen Herren, weshalb auch das Fleisch nicht, das tut, was der Verstand ihm befiehlt. Es muss einem anderen Herrn dienen, einem Tyrannen, dem tödlichen Feind des Gesetzes Gottes.

Damit sind wir am Kernpunkt des Problems angelangt, nämlich bei der Tatsache, dass das, was wir tun, nur die Frucht, dessen ist, was wir sind. Es ist genau so, wie Jesus es gesagt hat: »Denn es gibt keinen guten Baum, der faule Frucht trägt, und keinen faulen Baum, der gute Frucht trägt. Denn jeder Baum wird an seiner eigenen Frucht erkannt. Man pflückt ja nicht Feigen von den Dornen, auch liest man nicht Trauben von den Hecken. Ein guter Mensch bringt Gutes hervor aus dem guten Schatz seines Herzens; und ein böser Mensch bringt Böses hervor aus dem bösen. Denn was das Herz voll ist, des geht der Mund über. « Lukas 6,43-45.

Christus verweist uns hier auf ein Naturgesetz, das noch nie übertreten wurde und mit dem sogar Kinder schon vertraut sind. Es handelt sich um einen absolut zuverlässigen Grundsatz. Wer gute Früchte haben möchte, muss als erstes einen guten Baum haben, das heißt die richtige Baumart. Nachdem uns der Erlöser auf diesen vertrauten und erprobten Grundsatz aus der Natur hingewiesen hat, erklärt er, dass es im Geistlichen genauso wie im Natürlichen ist. Dem Geistlichen liegt dasselbe Gesetz zugrunde. Wer sich ein Leben voll guter Taten wünscht, muss deshalb zuerst ein guter Mensch werden.

Aber niemand kann ein guter Mensch sein, solange er die fleischliche Gesinnung oder das steinerne Herz hat. Die böse Natur oder das Gesetz der Sünde in sich zu haben bedeutet, ein böser Mensch zu sein, der nur böse Früchte hervorbringen kann, niemals gute.

Das ist also das Problem. Der Verstand ist nicht das Problem, denn er ist bei dem Menschen in Römer 7 bekehrt und völlig bereit, Gott und seiner Wahrheit zu dienen. Auch das Fleisch, unsere physische, menschliche Natur, ist nicht das Problem, denn es befindet sich nur in der Knechtschaft einer anderen Macht, und diese Macht ist das Gesetz der Sünde, das in den Gliedern wohnt und sie gegen den Willen des Menschen be-herrscht.

Damit soll allerdings nicht gesagt werden, dass der Verstand und das Fleisch nicht auch zu einem Problem werden können. Sie können Probleme darstellen, aber sie sind nicht das Problem, das wir haben, wenn wir in der Erfahrung von Römer 7 leben. Diese Erfahrung kam dadurch zustande, dass wir die Schönheit der Wahrheit gesehen haben und verstandesmäßig dazu bekehrt wurden. Das Fleisch dieses Menschen ist nicht die Ursache des Problems, denn als Sklave einer anderen Macht hat es, solange es nicht befreit ist, gar keine Möglichkeit, der Herrschaft der Sünde zu entkommen und dem Ver-stand zu gehorchen.

»Kann man denn Trauben lesen von den Dornen oder Feigen von den Disteln? So bringt jeder gute Baum gute Früchte; aber ein fauler Baum bringt schlechte Früchte. « Matthäus 7,16.17.

Das Gesetz der Sünde in den Gliedern ist also das Problem — es ist die Wurzel, die grundlegende Ursache, die Quelle der Schwierigkeit. Das heißt, hier liegt der wunde Punkt, an dem die Lösung ansetzen muss. Demzufolge wollen wir als Nächstes verstehen lernen, wie diese Lösung anzuwenden ist. 

Fortsetzung folgt