Mittwoch, 1. Oktober 2014

Über die Sterblichkeit II

Als Gastbeitrag dient uns eine Predigt von Cyprian von Karthago, ein Bischof der Urchristen (gest. im Jahr 258)


Auch sonst werden wir oft genug davor gewarnt, wider den Herrn zu murren. 

Diese Geduld haben die Gerechten stets gezeigt, an dieser Lehre haben die Apostel nach des Herrn Gebot stets festgehalten: nicht zu murren im Unglück, sondern mutig und geduldig alles auf sich zu nehmen, was auch in der Welt kommen möge. Das Volk der Juden hingegen hat dadurch immer Anstoß erregt, daß es gegen Gott nur zu häufig murrte, wie Gott der Herr im Buche Numeri bezeugt mit den Worten: "Ihr Murren lasse ab von mir, und sie werden nicht sterben". Man darf nicht murren im Unglück, geliebteste Brüder, sondern muß geduldig und mutig alles ertragen, was auch kommt;
denn es steht geschrieben: "Ein Opfer für Gott ist ein gequälter Geist; ein zerknirschtes und gedemütigtes Herz verachtet Gott nicht". Auch im Deuteronomium mahnt der Heilige Geist durch Moses und sagt: "Der Herr, dein Gott, wird dich plagen und den Hunger über dich schicken, und in deinem Herzen wird man erkennen, ob du seine Gebote wohl beachtet hast oder nicht" und wiederum: "Der Herr, euer Gott, versucht euch, um zu wissen, ob ihr den Herrn, euren Gott, liebet aus eurem ganzen Herzen und aus eurer ganzen Seele" . 

Wie Abraham soll der Christ gehorsam alle Drangsale nur als Gelegenheit betrachten, sich im Kampfe siegreich zu bewähren.

So fand Abraham Gottes Wohlgefallen, weil er, um Gott zu gefallen, weder den Verlust seines Sohnes fürchtete noch sich weigerte, den Mord an seinem Kinde auszuführen. Wenn du es nicht erträgst, deinen Sohn nach dem Gesetz und Los der allgemeinen Sterblichkeit zu verlieren, was würdest du dann erst tun, wenn dir befohlen würde, deinen Sohn zu töten? Zu allem sollte dich deine Gottesfurcht und dein Glaube bereit machen. Sei es der Verlust des Vermögens, der dich betrifft, sei es die beständige, qualvolle Erschütterung der Glieder infolge verheerender Krankheiten oder die tiefschmerzliche, traurige Trennung von der Gattin, von den Kindern, von scheidenden Lieben: dies alles darf für dich kein Anstoß, sondern nur ein Kampf sein; dies alles soll des Christen Glauben nicht schwächen oder brechen, sondern vielmehr im Widerstande seine Tapferkeit erweisen. 

Denn alle Unbilden der gegenwärtigen Übel gilt es zu verachten im Vertrauen auf die künftigen Güter. Geht nicht ein Kampf vorher, so kann es keinen Sieg geben. Erst wenn im Getümmel der Schlacht der Sieg gewonnen ist, dann wird den Siegern auch die Krone zuteil. Den Steuermann erkennt man im Sturme, in der Schlacht bewährt sich der Krieger. Leicht läßt sich's prahlen, wenn keine Gefahr droht; erst der Kampf in Widerwärtigkeiten ist die Erprobung der echten Tüchtigkeit. Der Baum, der tief im Boden wurzelt, wird von den ihn umtosenden Winden nicht erschüttert, und das Schiff, das in starkem Gefüge gefestigt ist, wird zwar auch von den Wogen hin und her gerüttelt, aber nicht durchbohrt, und wenn auf der Tenne das Getreide gedroschen wird, so spotten die kräftigen, schweren Körner des Windes, nur die leere Spreu wird vom reißenden Luftzug entrafft.

 Auch das Beispiel des Apostels Paulus zeigt, daß Prüfungen nur dazu dienen, den Glauben zu krönen.

So sagt auch der Apostel Paulus nach den Schiffbrüchen, nach den Geißelhieben, nach den vielen schweren Martern des Fleisches und Körpers, die er erlitten hatte, er fühle sich durch die Widerwärtigkeiten nicht gequält, sondern geläutert, und er könne sich um so besser bewähren, je schwerer er heimgesucht werde. "Gegeben ist mir", sagt er, "ein Stachel meines Fleisches, des Satans Engel, daß er mich mit Fäusten schlage, so daß ich mich nicht überhebe. Deshalb habe ich dreimal den Herrn gebeten, damit er von mir weiche, und er hat zu mir gesagt: "Es genügt dir meine Gnade; denn die Kraft wird in der Schwachheit vollendet'". Wenn also Krankheit und Schwäche und irgendeine verheerende Seuche wütet, dann wird unsere Kraft vollendet, dann wird unser Glaube gekrönt, falls er in der Versuchung standgehalten hat, wie geschrieben steht: "Die Geschirre des Töpfers bewährt der Ofen, und die gerechten Menschen die Prüfung der Drangsal". Das ist also der Unterschied zwischen uns und den anderen, die Gott nicht kennen, daß jene im Unglück klagen und murren, während uns das Unglück von der wahren Tugend und dem wahren Glauben nicht abbringt, sondern im Leiden erprobt.

 Trotz aller Schrecken, die die Seuche mit sich bringt, hat nur der den Tod zu fürchten, den danach ewige Verdammnis erwartet.

Daß jetzt beständiger Durchfall die Körperkräfte verzehrt, daß das tief im Inneren lodernde Feuer immer weiter wütet und den wunden Schlund ergreift, daß fortwährendes Erbrechen die Eingeweide erschüttert, daß die Augen durch den Blutandrang sich entzünden, daß manchen die Füße oder irgendwelche anderen Körperteile von zerstörender Fäulnis ergriffen und abgefressen werden, daß infolge der schweren Schädigung des Körpers durch die eintretende Ermattung der Gang gelähmt, das Gehör abgestumpft oder die Sehkraft getrübt wird, all das dient nur dazu, den Glauben zu erweisen. Gegen so viele Anfälle der Verheerung und des Todes mit unerschütterlicher Geisteskraft zu kämpfen, welch großen Mut zeigt das! 

Welche Erhabenheit verrät es, inmitten der Vernichtung des Menschengeschlechts aufrecht zu stehen, anstatt mit denen am Boden zu liegen, die keine Hoffnung auf Gott haben! Beglückwünschen dürfen wir uns vielmehr und es als Geschenk der Zeit begrüßen, wenn wir unseren Glauben standhaft zur Schau tragen, wenn wir durch das Erdulden von Leiden auf dem engen Wege Christi zu Christus eilen und so den Lohn dieses Weges und des Glaubens nach seinem Urteil finden. Der Tod ist allerdings zu fürchten, aber nur für den, der nicht aus Wasser und Geist wiedergeboren, sondern den Flammen der Hölle verfallen ist. Den Tod möge fürchten, wer sich nicht auf Christi Kreuz und Leiden berufen kann. Den Tod möge fürchten, wer aus diesem nur zu einem zweiten Tod übergeht. Den Tod möge der fürchten, den bei seinem Scheiden von der Welt die ewige Flamme mit immerwährender Pein foltern wird. Den Tod möge fürchten, wer von einer längeren Frist wenigstens den Gewinn hat, daß seine Qual und sein Seufzen einstweilen noch aufgeschoben ist.

 Für den Christen ist der Tod sogar vielfach ein Erlöser, der ihn vor Schlimmerem bewahrt; durch seine wohltätige Wirkung werden alle guten Kräfte geweckt und gesteigert.

Viele von den Unsrigen erliegen bei der gegenwärtigen Sterblichkeit dem Tode, das heißt: viele von den Unsrigen werden von der Welt befreit. Diese Sterblichkeit ist den Juden, den Heiden und den Feinden Christi eine schwere Plage, Gottes Dienern dagegen ist sie der Hingang zum Heil. Deshalb, weil nun ohne irgendwelchen Unterschied innerhalb des Menschengeschlechtes mit den Ungerechten auch die Gerechten sterben, braucht ihr noch nicht zu glauben, daß die Schlechten und die Guten ein gemeinschaftlicher Untergang trifft. Zur Erquickung werden die Gerechten gerufen, zur Bestrafung die Ungerechten dahingerafft; besonders schnell wird so den Gläubigen Schutz, den Ungläubigen Strafe zuteil. 

Blind und undankbar sind wir, geliebteste Brüder, gegen die göttlichen Wohltaten, und wir erkennen gar nicht, was uns alles erwiesen wird. Siehe, da scheiden im Frieden, ungefährdet im Besitze ihres vollen Ruhmes, die Jungfrauen, ohne sich vor den Drohungen des nahenden. Antichrists, ohne sich vor Schändung und vor den Häusern der Unzucht fürchten zu müssen. Die Jünglinge entrinnen der Gefahr der schlüpfrigen Jugendzeit, glücklich gelangen sie zu dem Lohne der Enthaltsamkeit und der Unschuld. Vor den Foltern bangt nicht mehr die zarte Matrone, der die Furcht vor der Verfolgung und die Martern unter den Händen des Henkers durch den schnellen Tod erspart bleiben. Durch die Angst vor der zeitlichen Sterblichkeit werden die Lauen angefeuert, die Lässigen im Zaume gehalten, die Untätigen angespornt; die Abgefallenen werden zur Rückkehr getrieben, die Heiden zum Glauben gezwungen, das alte Volk der Gläubigen zur Ruhe gerufen und ein neues, zahlreiches Heer mit stärkerer Kraft zur Schlacht gesammelt, um ohne Furcht vor dem Tode zu kämpfen, wenn es zum Treffen kommt, ein Heer, das in der Zeit der Sterblichkeit unter die Fahnen tritt.

 Die gegenwärtige Not läßt deutlich den inneren Wert jedes Christen erkennen und ist die beste Vorschule für das Martyrium.

Wie bedeutungsvoll, geliebteste Brüder, wie wichtig und wie notwendig ist sodann die Wirkung, daß diese Pest und Seuche, die so schrecklich und verderblich erscheint, die Gerechtigkeit jedes einzelnen erforscht und die Herzen des Menschengeschlechtes daraufhin prüft, ob die Gesunden den Kranken dienen, ob die Verwandten ihre Angehörigen innig lieben, ob die Herren sich ihrer leidenden Diener erbarmen, ob die Ärzte die um Hilfe flehenden Kranken nicht im Stiche lassen, ob die Trotzigen ihr Ungestüm unterdrücken, ob die Habgierigen die stets unersättliche Glut ihrer Habsucht wenigstens in der Furcht vor dem Tode löschen, ob die Stolzen ihren Nacken beugen, ob die Ruchlosen ihre Keckheit mäßigen, ob die Reichen wenigstens jetzt bei dem Tode ihrer Lieben etwas hergeben und spenden, da sie doch ohne Erben dahingehen werden! 

Selbst wenn diese Sterblichkeit nichts weiter genützt hätte, so hat sie uns Christen und Dienern Gottes schon damit einen großen Dienst erwiesen, daß wir jetzt begonnen haben, mit Freuden nach dem Märtyrertum zu verlangen, indem wir lernen, uns vor dem Tode nicht zu fürchten. Nur Übungen sind das für uns, nicht Heimsuchungen; sie verleihen dem Herzen den Ruhm der Tapferkeit, und durch die Verachtung des Todes bereiten sie zur Märtyrerkrone vor.

 Auch der Einwand, als ob  Ebola die Pest manchen Christen um den Märtyrerruhm bringe, ist nicht stichhaltig; denn das Martyrium ist eine Gnade Gottes, der den Menschen nach seiner inneren Gesinnung richtet.

Aber da könnte vielleicht einer einwenden und sagen: "Das ist es ja eben, was mich bei der gegenwärtigen Sterblichkeit betrübt, daß ich, der ich zum Bekenntnis bereit gewesen war und mich von ganzem Herzen und mit voller Kraft darein ergeben hatte, das Leiden zu erdulden, meines Märtyrertums verlustig gehe, indem mir der Tod zuvorkommt." Erstens aber steht das Märtyrerturn nicht in deiner Macht, sondern bei Gottes Gnade, und du kannst nicht sagen, du habest etwas verloren, wenn du gar nicht weißt, ob du es zu empfangen verdienst. Zweitens sodann ist es Gott, der Herz und Nieren prüft und das Verborgene durchschaut und erkennt; er sieht und lobt dich und zollt dir Beifall, und wenn er es merkt, daß bei dir der Mut bereit gewesen wäre, läßt er dir auch den Lohn für deinen Mut zuteil werden. 

Hatte etwa Kain, als er Gott sein Opfer darbrachte, seinen Bruder schon getötet? Und dennoch hat Gott, der alles voraussieht, den im Herzen geplanten Mord schon vorher verdammt. Wie dort der schlimme Gedanke und der verderbliche Plan von Gott, der die Zukunft kennt, vorherbemerkt worden ist, so wird auch bei den Dienern Gottes, die zu bekennen gedenken und das Märtyrertum im Geiste planen, der dem Guten ergebene Sinn nach Gottes Richterspruch gekrönt. Es ist zweierlei, ob zu dem Martyrium der Mut fehlt oder ob es dem Mut nur an der Gelegenheit zum Martyrium mangelte. Wie dich der Herr befindet, wenn er dich ruft, ebenso richtet er dich auch; er bezeugt und sagt ja selbst; "Und alle Gemeinden werden erkennen, daß ich ein Durchforscher der Nieren und Herzen bin". Denn nicht um unser Blut ist es Gott zu tun, sondern um unseren Glauben. Sind doch auch weder Abraham noch Isaak noch Jakob getötet worden, und dennoch haben sie, ausgezeichnet durch die Verdienste des Glaubens und der Gerechtigkeit, unter den Patriarchen sich den ersten Platz erworben. Ihrer Gemeinschaft wird jeder zugesellt, der treu und gerecht und rühmenswert befunden wird.

Wer sich dagegen sträubt, dem Herrn Folge zu leisten, wenn er ihn von der Erde abberuft, der setzt sich in Widerspruch mit der zweiten und dritten Bitte des Vaterunsers.

Wir dürfen nicht vergessen, daß wir nicht unseren, sondern Gottes Willen tun müssen nach den Worten, die uns der Herr täglich beten hieß. Wie widerspruchsvoll und wie verkehrt ist es, daß wir zwar darum bitten, daß Gottes Wille geschehe, wenn uns aber Gott ruft und von dieser Welt abfordert, nicht sofort dem Befehle seines Willens gehorchen wollen! Wir sträuben und widersetzen uns und lassen uns wie widerspenstige Knechte voll Trauer und Wehmut vor das Angesicht des Herrn führen, indem wir nur unter dem Zwange der Not, nicht in willigem Gehorsam von hier scheiden: und da wollen wir von demselben, zu dem wir so ungern gehen, mit himmlischen Belohnungen ausgezeichnet werden? Wozu also beten und flehen wir, daß das Himmelreich zu uns komme, wenn die Gefangenschaft auf Erden uns Freude macht? Wozu bitten und wünschen wir in häufig wiederholten Gebeten, der Tag des Reiches möge rasch herannahen, wenn die Sehnsucht größer und der Wunsch stärker ist, hier auf Erden dem Teufel zu dienen als mit Christus zu herrschen?

 Daß Gott am besten weiß, was zu unserem Heile dient, das ersieht man aus der Warnung, die jüngst erst ein sterbender Bischof durch eine Vision erhielt.

Damit übrigens die Beweise für die göttliche Vorsehung noch deutlicher sichtbar werden und zeigen, daß der Herr, der die Zukunft vorher weiß, auf das wahre Heil der Seinigen bedacht ist, hört folgendes Geschehnis! Als einer unserer Amtsbrüder und Mitpriester, durch Krankheit erschöpft und wegen des herannahenden Todes besorgt, noch um eine Frist für sich flehte, da erschien ihm während seines Flehens, als er schon fast im Sterben lag, ein Jüngling, verehrungswürdig durch seinen Glanz und seine Majestät, hoch von Gestalt und blendend anzusehen, eine Erscheinung, wie sie in der Nähe der menschliche Blick mit fleischlichen Augen kaum anzuschauen vermöchte und wie sie höchstens einer ansehen konnte, der schon im Begriffe stand, von der Welt abzuscheiden. Nicht ohne einen gewissen Unmut in Herz und Ton ließ er ihn an und sprach: "Vor dem Leiden [in der Verfolgung] fürchtet ihr euch? Von hinnen scheiden wollt ihr nicht? Was soll ich mit euch tun?" Mit diesen Worten tadelt und mahnt einer, der wegen der Verfolgung für uns in Angst, wegen unserer Abberufung aber voll Sicherheit ist und der unserem gegenwärtigen Verlangen nicht zustimmt, sondern für die Zukunft Sorge trägt. 

So bekam unser Bruder und Amtsgenosse vor seinem Tode Worte zu hören, um sie den übrigen mitzuteilen. Denn er, der sie als Sterbender hörte, bekam sie doch nur zu dem Zwecke zu hören, um sie weiterzusagen; er hörte sie nicht für sich, sondern uns zugute. Denn was hätte er noch lernen sollen, der schon am Abscheiden war? Er hat vielmehr lediglich für uns, die Zurückbleibenden, die Lehre erhalten, und wir sollen erkennen, was uns allen zum Besten dient, wenn wir erfahren, daß ein Priester zurechtgewiesen wurde, der noch um eine Lebensfrist bat.

Fortsetzung folgt

Jesus segne Dich!