Diese Seite
ist modifiziert worden. Ich werde hier
in unregelmaessigen Abstaenden von unserem Leben im Chacara berichten.
Adressaten sind vor allem jene Leser, welche schon einmal hier waren und die
Begebenheiten ein bisschen kennen. Fuer die anderen, welche noch nicht bei uns
zu Besuch waren, koennen sich so einige Vorab-Eindruecke holen.
Eintrag vom
17. Dez. 2013
Brief an
meine freunde, Mitte September d.J.
Meine lieben Freunde,
lange Zeit blieb es still
um mich und das hatte seine Gründe. Diese waren rein technischer Art, zuerst
war es mein Computer, dann das Internet, mit welchem wir mit immensen Problemen
zu kämpfen gehabt haben. Und zuletzt waren dann die beiden Computer ganz
ausgestiegen.
Nun scheint sich die Lage
langsam wieder zu bessern, kann ich doch inzwischen wenigstens mit einem
fremden Computer schreiben und will endlich mal ein Lebenszeichen von mir geben
und bei dieser Gelegenheit gelingt es mir, ein bisschen von mir mir zu
erzählen. Bei den seltenen Telefonaten über Skype interessiert es mich ja vor
allem, wie es Euch geht und Ihr vernehmt herzlich wenig von mir. Also, nun
werde ich einige Aspekte meines Lebens hier in Brasilien beleuchten, das ja
schon viereinhalb Jahre dauert.
Unsere Tiere
Wir haben seit Jahren schon
einige Tiere, zuerst waren es Schafe, Ziege und zwei Kälber. Die Schafe haben
wir verkauft, die Ziege, ein riesiger Stressfaktor, ebenfalls. Geblieben sind
die zwei Kälber, bzw. Rinder, welche in der Zwischenzeit eben zu richtigen
Kühen geworden sind. Im Januar gebar die eine eine Kalbin, welche wunderbar
gedeiht und im Juni gebar die andere ein Stierkalb, welches mich sehr auf Trab
hält. Die Kühe geben im Schnitt täglich zehn Liter Milch, welche verarbeitet
werden möchten. DieMilchmenge variert stark mit der Jahreszeit. Da unsere
eigene Weide etwas zu klein ist um alle zu versorgen, haben wir ein Pferd, mit
welchem ich das nötige Futter täglich herbeischaffe oder wir treiben die
„Herde“ auf eine nahegelegene Allmend, wo sie den ganzen Tag verbleiben können.
Manchmal brechen sie aus – und das immer wegen eines Stieres – und dann habe
ich Probleme mit dem Nachbar, beziehungsweise vielmehr, er hat dann Probleme
mit mir. Und so investierte ich in den vergangenen Monaten beachtliche Zeit mit
dem Erstellen, bzw. Reparieren von Zaun und Zäunen – ich mag das Wort Zaun
schon gar nicht mehr hören! Aber eben: es gehört halt auch dazu.
Unsere Hühner, die Anzahl
schwankt zwischen vier und zwanzig, geben mal Eier, mal nicht. Im Moment sind
es vier und vorgestern schlüpften sechszehn Bibeli. Hin und wieder verschenken
wir die gefiederten Tiere, mal verkaufen wir und mal werden sie Opfer der
Natur. So haben wir immer wieder mal Kücken.
Genauso geht es mit dem
Hund, bzw. den Hunden. Die werden nicht alt bei uns, weil sie vielen
(menschlichen) Gefahren ausgesetzt sind. Manchmal werden sie Opfer im
Strassenverkehr, machmal geraten sie einem Nachbar vor die Flinte. Ob dann das
Eier- oder Hühnerklauen Schuld an deren Todesstrafe ist oder einfach der Hunger
des Nachbarn selbst, habe ich noch nicht herausgefunden.
Das neue Haus
Ob der Bau des neuen Hauses
nun schon zwei oder drei Jahre dauert, ich weiss es nicht. Schon hatte ich die
Hoffnung aufgegeben, dass es jemals fertig wird. Aber durch „glückliche
Umstände“ (das ist natürlich ein Resultat von Gebeten!) scheint der Bau jetzt
in die Endphase zu kommen. Es sind viele lustige und interessante Erlebnisse
mit diesem Bau verbunden. Ich habe z.B. immer ein T-Dach gewollt, und der
Dachdecker meinte, das sei eine Sache der Unmöglichkeit, das gebe es nicht. Da
blieb mir nichts anderes übrig, als die Grundkonstruktion selber zu machen (aus
geschlagenen und behandelten Eukalyptus-Bäumen) und dann den Dachdecker zu
rufen um die Ziegel zu montieren, da ich diese Arbeit am liebsten vom Boden aus
mitverfolgte.
Das Haus ist zweistöckig.
Nilce wohnt im oberen Stock, welches aber keine Treppe hat, sondern nur eine
aufziehbare, leichte Aluminium-Leiter, genauso wie im Mittelalter die Burgen
geschützt wurden. So fühlt sie sich sicher vor ungebetem Besuch. Im
Grundgeschoss habe ich eine kleine Küche gebaut, zwar nur drei mal zwei Meter,
aber aber mit allem was ich brauche um unsere leibliche Versorgung sicher zu
stellen. Es gibt hier eine kleine Käserei, eine Bäckerei und Konditorei.
Ebenfalls fehlt das Gärbecken für den Sauerkraut ebensowenig wie der Holzofen.
Es ist ein kleines Paradies. In dieser Küche mache ich nebst dem erwähnten Käse
in drei Sorten auch Butter und Glace (Speise-Eis). Drei verschiedene Brote wie
Zopf, Vollkorn- und Weissbrote lassen den Luxus erahnen, in welchem wir leben
und den die Brasilianer im Allgemeinen nicht kennen. Auch die Konfitüre und
seit neuestem der (wilde) Honig lässt uns weitgehend unabhängig vom Supermarkt
leben. Da sogar der Kaffee auf eigenem Grunde wächst, ist es naheliegend, dass
das überaus üppige und ausgedehnte Frühstück zur täglichen Hauptmahlzeit
geworden ist.
Der Tagesablauf, meine
Arbeit
Mein Tag beginnt um fünf
Uhr morgens mit dem Anfeuern des Holzofens für das täglich frische Brot. Um
sechs gehts in den Stall mit den üblichen Arbeiten wie Misten, Füttern und
Melken. Um halb Acht, gibts Frühstück, welcher oft länger als einen Stunde
dauert und anschliessend führen wir die Tiere auf die Weide oder ich gehe mit
dem Pferd und Kutsche Gras schneiden. Danach, wenn es keine Zäune zum Flicken
gibt, bin ich auf dem Bau als Maurer, Spengler, Sanitär, Elektriker, Schreiner,
Zimmermann, Hafner oder Maler, manchmal als Architekt, dann als Hilfsarbeiter
und Handlanger.
Sei es um Zwölf oder um
drei Uhr nachmittags gibt es das Mittagessen, zu meinem Leidwesen oft mit
Fleisch. Aber seit der Dampfkochtopf (aus der Schweiz) in Betrieb ist, ist
dieses Fleischkochen schon oft, für brasilianische Verhältnisse, zur
unereichten Götterspeise geworden!
Nach dem Essen gehts wieder
zur Arbeit, dann aber meistens gibt es etwas zu reparieren an den bestehenden
Gebäuden, dem Reinigen des Pools, dem Schneiden des Rasens oder Gartenarbeiten.
Langeweile ist ein Fremdwort, dessen Bedeutung ich nicht kenne.
Um vier gehen wir die Kühe
holen, wenn sie auf der Weide sind und anschliessend gehts wieder in den Stall.
Nach einem kurzen und
leichten Abendessen gehts dann in die Küche um den Vorteig des Brotes zu machen
und vor allem den Käse mit der Morgen- und Abendmilch. Zwischen neun und zehn
Uhr ist dann Schluss.
Meine Gesundheit
Gesundheitlich gibt es
nichts, das ich beklagen müsste. Dank meiner absolut natürlichen, aber sehr
einfachen Ernährung bin ich der einzige Brasilianer über 40 Jahre, der keine
Medikamente zu sich nimmt. Das ist nicht übertrieben, zumahl diese Lansdleute
ob der Anzahl der verschiedenen Pillen und Pülverchern, welche sie täglich
einnehmen, noch stolz sind. Es ist mir schon gesagt worden, ich soll doch zum
Arzt zur Vorsorgeuntersuchung gehen, dann käme es schon aus, wo es mir fehle!
Nun das ist natürlich auch eine Lebenseinstellung, aber diese teile ich nicht.
Meine Fitness, hügelrauf und –runter, mit oder ohne Zementsack auf der
Schulter, macht mir keine Beschwerden. Kurz gesagt: Meine Gesundheit ist i.O.
Das geistig/geistliche
Leben
Nun, damit kommen wir zur
grundlegenden Frage: hat sich die Reise nach Brasilien gelohnt, oder bin ich
mir dessen gereuig?
Das Leben, wie ich mir dies
vor der Abreise vorgestellt habe, habe ich seit anfangs dieses Jahres. Es war
hart und oft sehr sehr schwierig, aber jetzt habe ich die Ziele erreicht und
alle Wünsche erfüllt: keine weitere Wünsche mehr zu haben! Der Zustand, nicht
mehr hinter weiteren Zielen herzujagen oder weitere, höhere Wünsche erfüllen zu
müssen, hat sich ein für allemal erledigt. Endlich bin ich zur Ruhe gekommen
und erlebe, dass weniger mehr ist. Keine Begierden mehr zu haben, dem Glück
nicht hinterherrennen zu müssen sondern mit dem Wenigen, was man hat im
Ueberfluss zu leben, das ist das wahre Leben. Ohne äussere Zwänge, auch wenn
die Tage körperlich streng sind, das tun, was für das leibliche Ueberleben getan
werden muss, das ist es, was mich erfüllt – und das möchte ich nicht mehr
missen! Damit ist die Frage nach einer möglichen Rückkehr schon beantwortet. In
Europa ist dieses freie Leben leider nicht mehr möglich.
Ohne dass ich es gesucht
hätte, bin ich in einer Freikirche gelandet. Wie es der hiesigen Mentalität
entspricht, sind alle diese evangelischen Kirchen charismatisch, was mir zwar
etwas gegen den Strich geht. Habe aber viele echte Freunde gefunden und werde
oft eingeladen, Predigten zu halten. Das gibt mir dann Gelegenheit, den
nördlichen, eher gemässigten Kulturkreis vor allem in Glaubensangelegenheiten,
den Freunden hier etwas näher zu bringen, was sehr gut ankommt.
Wünsche Euch allen eine
gesegnete Zeit!
Liebe Grüsse und Gottes Seg
Hans und Nilce
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