Mittwoch, 7. Januar 2015

Mystik praktizieren III


Das Glaubensleben hat mit dem weltlichen Alltagsleben eines gemeinsam: Alles, was man lernt, will umgesetzt werden, sonst macht alle Mühe keinen Sinn. Bibelleen und Kirche besuchen – alles vergebene Mühe, wenn man das Gelesene oder Gehörte nicht umsetzt. So ist es auch mit der Mystik, dem einzig wahren Glaubensweg. Wie schon erwäht, hat ein Mystiker, dessen Name nicht bekannt ist, im 14. Jahrhundert den folgenden Text geschrieben und gilt heute noch als die beste und einfachste Basis zum Einstieg in die Mystik. Die Schrift „Die Wolke des Nichtwissens“ mit dem „Brief persönlicher Führung“ stelle ich in 4 Teilen zur Verfügung. Hier der 3. Teil:




Verstehen nur aus Erfahrung

Vielleicht beschäftigte sich dein unersättlicher Verstand und deine Vorstellungskraft mit dem, was ich bisher über die kontemplative Übung sagte. Sie sind beunruhigt, weil es über ihre Fassungskraft geht. Sie haben dich unsicher und mißtrauisch gemacht bezüglich dieses Weges zu Gott. Darüber brauchst du dich nicht wundern. In der Vergangenheit warst du so von deinem Denken und deinen Sinnen abhängig, daß du sie jetzt nicht ganz übergehen kannst, obgleich die kontemplative Liebe dies verlangt. Du bist bedrückt, wie ich sehe, und dem allen unsicher gegenüber. Ist es wirklich Gott so wohlgefällig, wie ich behaupte? Und wenn, warum? Ich will auf alles antworten; doch sei dir klar, diese Fragen stellt dein neugieriger Verstand. Er gibt keine Ruhe und willigt in diese Übung erst ein, wenn seine Neugier einigermaßen durch eine gedankliche Erklärung befriedigt ist. Deshalb will ich es dir weiter erklären und deinem stolzen Verstand entgegenkommen, indem ich auf deine gegenwärtige Verstehensebene heruntersteige, damit du fähig wirst, mir anschließend auf meine Verständnisebene zu folgen, mir traust und dich ohne Vorbehalt von mir führen läßt. Ich berufe mich auf den hl. Bernhard, der sagt: „Vollendete Folgsamkeit kennt keine Grenzen.“
  
Zögerst du, dem Rat deines geistlichen Vaters zu folgen, ehe dein eigenes Urteil ihn gutgeheißen hat, dann setzt du deiner Folgsamkeit Grenzen. Ich möchte jedoch zunächst dein Vertrauen gewinnen. Einzig Liebe bewegt mich, nicht persönliches Können noch großes Wissen oder tiefe Einsicht. Auch bilde ich mir nicht ein, in der Übung kontemplativer Hingabe ein großer Meister zu sein. Ich hoffe, mich nicht zu täuschen, und bitte Gott, mich da zu unterstützen, wo ich fehl gehe. Mein eigenes Wissen ist Stückwerk, das seinige ist vollkommen. 

So preise ich also die Vorzüge dieser Übung, um deinen wißbegierigen Verstand zufriedenzustellen. Könnte ein in Kontemplation Lebender ausdrücken, was er erfährt, alle Gelehrten der Christenheit würden vor seiner Weisheit verstummen. Alles menschliche Wissen erschiene im Vergleich dazu als reines Nichtwissen. Halte dich also nicht darüber auf, wenn mir die Sprachkraft fehlt, den Reichtum dieses Lebens im innersten Innern auch nur annähernd zu beschreiben. Gott bewahre uns davor, daß die kontemplative Erfahrung so oberflächlich werde, daß man mit menschlicher Sprache sie beschreiben kann. Das ist unmöglich und wird niemals möglich sein. Gott verhüte, daß ich das jemals versuchen wollte. Verwechsle also nicht die kontemplative Übung der Versunkenheit mit den Worten, die wir darüber machen. Was sie ist, können wir nicht sagen, darum versuchen wir, sie zu umschreiben. Das verwirrt jeden stolzen Intellekt, besonders den deinen, für den ich ja schreibe. 

Zunächst eine Frage: Was ist das Wesen höchster menschlicher Vollendung, und was erwächst daraus? Ich will für dich antworten. Die höchste menschliche Vollendung ist die Vereinigung mit Gott kraft einer Liebe, die sich völlig hingibt. Diese hohe und edle Berufung ist dem Denken so fern, daß das, was sie wirklich ist, weder vorgestellt noch gedacht werden kann. Doch wo immer wir ihre Früchte finden, können wir sicher annehmen, daß sie dort lebendig ist. Wollen wir also die Kontemplation als höchste Lebensform darstellen, müssen wir zunächst die Früchte unterscheiden, die aus der höchsten menschlichen Vollendung erwachsen. 

Diese Früchte sind die Tugenden, die in jedem vollendeten Menschen vorhanden sein müssen. Bedenkst du das Wesen der Kontemplation genau und überlegst dir, worin jede einzelne Tugend besteht und wie sie sich äußert, so wirst du feststellen: In der Kontemplation sind alle Tugenden insgesamt enthalten, frei von Selbstsucht und Nebenabsichten. 

Ich brauche jetzt auf keine einzelne Tugend näher einzugehen. Du hast darüber genug in meinen anderen Büchern gelesen. Hier genügt es zu betonen, daß echte Kontemplation ehrfürchtige Liebe ist, eine reife Frucht des menschlichen Herzens. Darüber schrieb ich dir bereits in meinem kurzen Brief über das Gebet. Dort sagte ich: Kontemplation bedeutet die „Wolke des Nichtwissens“, die verborgene Liebe eines ungeteilten Herzens, der hl. Schrein des Bundes. Es ist dies die mystische Theologie des Dionysius, die er „seine Weisheit“, seinen „Schatz“, seine „leuchtende Dunkelheit“ und sein „nicht-erkennendes Erkennen“ nennt. Das führt dich in die Stille jenseits aller Gedanken und Worte und macht dein Gebet einfach und kurz. Und diese Theologie lehrt dich, allen Schein der Welt zu verlassen und abzuweisen.
  
Ja, noch mehr: Sie lehrt dich, dein wahres Selbst zu verleugnen, wie es das Evangelium verlangt: „Wer mir nachfolgen will, verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir 

nach.“ Im Zusammenhang mit allem, was wir über Kontemplation gesagt haben, ist es, als ob Christus sagen würde: Wer mir nachfolgen will - nicht wer mit mir, sondern hinter mir geht - zu den Freuden der Ewigkeit oder auf den Berg der Vollendung. Christus ging uns voraus; das war seine natürliche Bestimmung. Wir folgen ihm kraft der Gnade. Seine göttliche Natur hat einen höheren Rang als die Gnade und die Gnade wiederum einen höheren als unsere menschliche Natur. Mit diesen Worten sagt er uns: Wir sollen ihm auf den Gipfel der Vollendung folgen, wie sie in der Kontemplation erfahren wird. Allerdings muß er uns zuerst rufen und uns mit seiner Gnade dorthin führen. 

Es ist eine unumstößliche Wahrheit. Dir und allen, denen es ähnlich ergeht und die diese Zeilen lesen, möchte ich ganz klar sagen: Ich habe dich zwar ermutigt, den Weg der Kontemplation schlicht und vertrauensvoll zu betreten. Doch bin ich mir darüber klar, daß in der Kontemplation Gott unabhängig von allen Methoden der entscheidend Wirkende sein muß. Er muß mit seiner Gnade dieses Geschehen in dir lebendig halten. Du und andere, denen es ebenso geht, müsst euch ganz und gar auf Empfangen einstellen, einem Wirken in der Tiefe eures Herzens zustimmen und es durchleiden. Deine passive Zustimmung und dein Zulassen sind in Wirklichkeit jedoch eine echte Aktivität. Du hältst ihm ja dein ganzes Verlangen entgegen und öffnest dich selbst unaufhörlich seinem Wirken. Doch wirst du das alles selber durch Erfahrung und Einsicht in geistige Wirklichkeit lernen. In seiner Güte berührt Gott jeden Menschen auf seine Weise, den einen direkt, den anderen indirekt. Wer wagt da zu sagen, er spräche dich und andere nicht durch dieses Buch an? Ich verdiene es zwar nicht, sein Diener zu sein, doch wenn er in seiner verborgenen Absicht es so will, kann er durch mich wirken. Er ist frei und kann tun, was ihm beliebt. 

Ich glaube nicht, daß du das alles verstehst, bis deine Erfahrung es dir in der Kontemplation bestätigt. So sage ich dir nur: Halte dich bereit für Gottes Geschenk, indem du auf seine Worte achtest und ihren vollen Sinn erfaßt: „Jeder, der mir nachfolgen will, verleugne sich selbst.” Sage mir: Gibt es einen besseren Weg, sich und die Welt zu verleugnen und zu verachten, als sich zu weigern, sich mit ihr und allem, was dazu gehört, zu beschäftigen?



Der Kern menschlichen Seins: Gottes Sein 

Zu Anfang sagte ich: Vergiß alles und blick nur in das Dunkel deines nackten Seins. Meine Absicht war jedoch, dich zu dem Punkt zu führen, wo du auch dieses noch aufgibst, um nur noch das Sein Gottes zu erfahren. Diese allertiefste Erfahrung hatte ich im Auge, als ich dir anfangs sagte: Gott ist dein Sein. Es war damals noch zu früh, von dir zu erwarten, daß du ohne Übergang in diese hohe Schau des Seins Gottes eintreten würdest. So habe ich dich Stufe um Stufe weitergeführt. Zunächst riet ich dir, in der unverdeckten, bildlosen Schau deines Seins zu ruhen, bis dir durch ausdauerndes geistiges Bemühen die Übung der Versunkenheit leichtfällt. Ich wußte, sie würde dich für das innerste Erkennen des göttlichen Seins vorbereiten. Das Wichtigste dieser Übung war, daß in dir eine alles umfassende Sehnsucht wuchs, ein Verlangen, nur Gott zu erkennen und sonst nichts. Ich sagte zwar anfangs: Hülle die Wahrnehmung Gottes ein mit der Wahrnehmung deines eigenen Seins! Du warst eben damals noch geistig ungeübt und unentwickelt. Ich hoffte, es würde dir durch geduldiges Üben zunehmend leichter fallen, bis du schließlich fähig wärest, dein Bewußtsein selbst von der elementaren Wahrnehmung deines eigenen Seins frei zumachen und dann in einer dir bisher völlig unbekannten Weise zu erfahren, wie Gott, so wie er in sich ist, dich voll Liebe umfängt. 

Das ist der Weg jeder echten Liebe. Der Liebende will alles für seine Geliebte geben, sogar sein eigenes Selbst. Er kann an nichts mehr denken als an seine Geliebte. Eine vorübergehende Schwärmerei? Nein, wahre Liebe sucht immer unmittelbar sich völlig selbst zu vergessen. So ist Liebe. Das versteht nur, wer sie kennt. Unser Herr meint das gleiche, wenn er sagt: „Jeder, der mich liebt, verleugne sich selbst.“ Er will sagen: Wer wirklich von meiner Liebe umkleidet werden möchte, muß sein Selbst ausziehen; denn ich bin das kostbare Kleid ewiger, nie endender Liebe.



Das Selbst-Vergessen 

Falls du beim Üben merkst, daß du noch nicht Gott, sondern erst dein eigenes Selbst wahrnimmst und erfährst, verlange mit der ganzen Kraft deines Herzens danach, einzig in Gottes Sein zu versinken und daß dir nichts übrigbleibe als der tiefe Wunsch, die kärgliche Erkenntnis und die den Grund verstellende Wahrnehmung deines eigenen dunklen Seins zu vergessen. Meide dein Selbst wie Gift. Vergesse und übersehe es so entschieden, wie unser Herr es erwartet. 

Verstehe mich recht: Ich sagte nicht, wünsche dir nicht-zu-sein. Das wäre Torheit und hieße Gott lästern. Vielmehr verlange danach, jedes Bewußtsein und jede Wahrnehmung deiner selbst zu verlieren. Das ist wesentlich, wenn du Gottes Liebe in der Fülle erleben willst, wie es in diesem Leben überhaupt möglich ist. Dir muß es selbst aufgehen, daß du ohne Hergabe deines Selbst nie dein Ziel erreichen wirst. Wo immer du bist, was du auch tust und wie du es versuchen wirst, die elementare Wahrnehmung deines nackten Seins steht zwischen dir und deinem Gott. Natürlich mag Gott gelegentlich eingreifen und dich mit einer flüchtigen Erfahrung seines Seins beglücken. Von diesen Augenblicken jedoch abgesehen, wird die dunkle Wahrnehmung deines eigenen nackten Seins dein Bewußtsein erfüllen und wie eine Mauer stehen zwischen dir und Gott. Ähnlich war es zu Beginn dieser Übung, als die Aufmerksamkeit auf Einzelheiten deines Seins wie eine Mauer stand vor der direkten Wahrnehmung deines Seins. Bald wirst du spüren, welch schwere und schmerzhafte Last dein eigenes Selbst ist. Möge dir Jesus in jener Stunde helfen, du wirst ihn dringend brauchen. 

Alle Last und alles Leid der Welt zusammen scheinen gering im Vergleich dazu; dann wirst du dir selbst das Kreuz sein. Aber das ist der Weg zu unserem Herrn und dies der tiefe Gehalt seiner Worte: „Er nehme sein Kreuz auf sich“ - das schmerzhafte Kreuz des eigenen Selbst, damit er mir später „in die Herrlichkeit folgen kann“ oder zum „Gipfel der Vollendung“. Höre, was er verspricht:„Dort werde ich ihn in der unaussprechlichen Erfahrung eines göttlichen Lebens die Wonnen meiner Liebe kosten lassen.“
  
Du siehst also, es ist notwendig das schmerzhafte Kreuz des eigenen Selbst zu tragen. Dies allein wird dich vorbereiten auf die alles übersteigende Erfahrung Gottes, wie er ist, und auf die Vereinigung mit ihm in verzehrender Liebe. Mögest du jetzt, da diese Gnade dich anrührt und ruft, immer mehr den alles überragenden Rang kontemplativen Lebens erkennen und schätzen.



Das wahre Selbst - Unterschied von Sein und Handeln


Glaubst du immer noch, deine Sinne und dein Verstand könnten dir helfen, zur Kontemplation zu gelangen? Sie sind dir keine Hilfe. Bildreiche und gedankentiefe Betrachtungen werden dich nie zur Kontemplation führen, auch wenn sie außergewöhnlich klar, bereichernd und tief sind. Mögen sie sich mit deiner sündigen Vergangenheit beschäftigen, mit dem Leiden Jesu, den Freuden Marias, der Engel und Heiligen oder sich mit Gottes Eigenschaften befassen oder den deinigen, mit den Unterschieden und dem Wesen deines Seins oder des Seins Gottes: Zum kontemplativen Gebet nützen sie dir nichts. Darum suche ich selbst nichts anderes als die direkte dunkle Wahrnehmung meines Selbst, worüber ich ja schon gesprochen habe. Ich sagte „die Wahrnehmung meines Selbst” und nicht „meines Tuns“. Viele verwechseln nämlich ihr Tun mit sich selbst und glauben, dies sei identisch. Das stimmt nicht. Das Handeln ist etwas anderes als das Sein. Ähnlich ist es mit Gott. Sein Wesen ist etwas anderes als seine Werke. 

Doch kommen wir zurück. Das einzige, wonach ich verlange, ist die einfache Wahrnehmung meines Selbst, obwohl sie mich mein Selbst als schmerzliche Last erleben läßt und mich unsagbar traurig macht, eben weil ich nur mein Selbst und nicht Gott erfahre. Diese Schmerzen jedoch ziehe ich selbst den klarsten und tiefsten Gedanken vor, die jemand äußert oder die man in Büchern findet (mögen sie auch immer für deinen klugen und verständigen Kopf hoch und beglückend erscheinen). Ich aber ziehe das Leid vor, das in mir das Liebesverlangen entzündet, Gott zu erfahren, wie er wirklich ist. 

Trotzdem sind anregende Gedanken nicht fehl am Platz, sie haben ihren Wert. Wer gerade erst zu Gott zurückgefunden hat und mit dem Besten beginnt, findet in ihnen einen sicheren Weg zur geistigen Wahrnehmung seiner selbst und Gottes. Allerdings dürfte es, menschlich gesprochen, unmöglich sein, daß ein Sünder ohne besonderes Eingreifen Gottes zu friedvoller Ruhe in der inneren Wahrnehmung seiner selbst und des Seins Gottes gelangt, bevor er nicht seine Vorstellungskraft und sein Denken geschult hat in der Erkenntnis seiner eigenen menschlichen Fähigkeiten und der vielfältigen Werke Gottes. Auch muß er zuvor seine Sünden bereuen und am Guten Freude finden. Glaube mir: Wer nicht diesen Weg einschlägt, läuft in die Irre. Er muß außerhalb der Kontemplation bleiben, ziellos mit diskursiven Betrachtungen beschäftigt, obgleich er in die kontemplative Ruhe gelangen möchte, die sich danach auftut. Viele täuschen sich und meinen, die geistige Tür schon durchschritten zu haben, stehen aber tatsächlich noch draußen. Sie werden auch so lange davor bleiben, bis sie gelernt haben, die Türe in selbstloser Liebe zu suchen. Manche finden die Türe früher als andere und gehen hindurch, jedoch nicht aufgrund besonderer Vorzüge oder großer Verdienste, sondern einzig darum, weil sie eingelassen werden. Erleuchtung geschieht ohne Leistung, menschlichem Verfügen und Erreichenwollen gänzlich entzogen. Nur absolute Absichtslosigkeit kann Gefäß sein für das Geschenk der Einheit und des Einheitserlebens.



Betrachtung und Meditation als Vorbereitung 

Der innere Raum des Geistes ist doch ein wunderbarer Ort. Hier ist Christus selbst Pförtner und Tür zugleich. Als Gott ist er Pförtner, als Mensch ist er Tür. Darum sagt er im Evangelium: „Ich bin die Tür (zu der Schafherde). Wer durch mich eintritt, wird gerettet werden; er wird ein- und ausgehen und Weide finden. Der Dieb kommt nur, um zu stehlen, zu schlachten und zu verderben.“ 

Im Zusammenhang mit dem, was bisher über die Kontemplation gesagt wurde, ist Jesu Wort etwa so zu verstehen:„Als Gott bin ich der allein entscheidende Pförtner. Ich allein entscheide, wer und auf welche Weise einer eintreten darf. Doch wollte ich einen ganz einfachen und leicht erkennbaren Weg zur Schafherde anlegen, den jeder finden kann, der kommen will. Darum nahm ich eine schlichte menschliche Natur an und war dadurch zugänglich, daß niemand sein Fernbleiben entschuldigen kann, indem er sagt, er habe den Weg nicht gekannt. Als Mensch bin ich die Tür, und wer durch mich eintritt, ist in Sicherheit.“ 

Wer durch die Tür eintreten will, beginne, das Leiden Jesu zu betrachten, und bereue die Sünden, die Jesu Leiden verursachten. Er soll sich hart anklagen und tiefes Mitgefühl für seinen Meister erwecken. Wer wegen seiner Sünde eigentlich leiden müßte, bleibt verschont, während Er, der Unschuldige, so entsetzlich leiden mußte. Dann soll er sein Herz zu ihm emporheben, um die Güte und Liebe dessen zu empfangen, der freiwillig ein sterblicher Mensch wurde. Wer sich so vorbereitet, tritt ein durch die Tür und ist in Sicherheit. Ob er nun hineingeht und sich in die Liebe und Güte seiner Gottheit versenkt oder hinausgeht, indem er Christus in seinem menschlichen Leiden betrachtet, er wird geistliche Nahrung in Fülle finden. Käme er auch in diesem Leben nie weiter, er hätte Frömmigkeit in reicher Fülle, ja mehr als genug, die Gesundheit seiner Seele zu erhalten und zum Heile zu gelangen.  

Doch manche werden sich weigern, durch diese Tür einzutreten. Sie glauben auf anderen Wegen die Vollendung zu erlangen. Sie versuchen, mit allen Finessen an dieser Tür vorbeizukommen. Sie gestatten ihren unerzogenen Sinnen und ihrem zügellosen Denken ausgefallene Ideen und seltsame Phantasien und weisen den allgemeinen offenen Zugang sowie die verläßliche Führung eines geistlichen Vaters ab. Wer das tut, mag sein wer immer, ist nicht nur ein Dieb bei Nacht, sondern auch ein Tagedieb. Ein Dieb bei Nacht, weil er in der Dunkelheit der Sünde lebt. In seinem Hochmut vertraut er seinem eigenen Verstand und seinen ausgefallenen Ideen mehr als klugem Rat oder der Sicherheit dieses schlichten, leicht erkennbaren Weges, den ich beschrieb. Er ist auch ein Tagedieb, denn unter Vortäuschung eines geistlichen Lebens stiehlt er heimlich und maßt sich nach außen den Stil eines Kontemplativen an, während sein inneres Leben keine entsprechende Frucht bringt. Empfindet er gelegentlich ein leises Verlangen nach Vereinigung mit Gott, läßt er sich dadurch täuschen und glaubt sich in seinem Tun bestätigt. Er versteift sich noch mehr, lehnt jeglichen Rat ab und geht den gefährlichsten Weg, den es gibt. Die Gefahr wächst noch mehr, wenn er ehrgeizig hohen Zielen nachjagt, die für ihn unerreichbar sind und abseits des normalen, deutlichen Weges des christlichen Lebens liegen.  

Als ich über Wert und Notwendigkeit der Betrachtung sprach, habe ich dir diesen Weg mit Jesu Worten erklärt. Ich nannte die Meditation die Tür zur Frömmigkeit, und ich versichere dir: Sie ist in diesem Leben der sicherste Zugang zur Kontemplation.