Mittwoch, 3. Dezember 2014

Unio mystica II


Wir sind noch beim Thema wie sich der mystische Glaubensweg vom Luther-Evangelium unterscheidet. Oder genauer gesagt, wie gegensätzlich sich diese beiden Glaubens-Auffassungen sind. Die bereits beschriebenen Beispiele wollen wir mit den folgenden ergänzen, weil es sich um grundlegende Fragen handelt. Beim für Mystiker nicht unwichtigen Thema der inneren Eingebung, der Visionen oder der Offenbarungen kommt die Divergenz ganz deutlich zum Ausdruck. Es geht bei dieser Frage um die „Kommunikation Gottes“ mit den Menschen, wenn wir das einmal sehr modern ausdrücken wollen. Es geht mir an dieser Stelle vor allem um die Kommunikation Gottes mit der (Einzel-)Person und nicht um die Religionsgemeinschaften der Neuoffenbarer, denn der Mystiker bewegt sich kaum bis gar nicht in organisierten Gottesdienst-Events jeglicher Art.


Eingebungen, Visionen und Offenbarungen

Die lutherische Theologie steht auf dem strikten Standpunkt, dass der biblische Kanon abgeschlossen ist. Sola scriptura. Gott hat alles gesagt, was zu sagen ist, hat alle Weisheiten kundgetan, mehr Weisheiten gibt es nicht. Jedenfalls für den Erdenmenschen nicht. Das wird mit ein oder zwei Bibelversen begründet, auch wenn sie an den Haaren herbeigezogen werden wie z.B. der Schluss der Offenbarung:

Ich bezeuge jedem, der die Worte der Weissagung dieses Buches hört: Wenn jemand etwas hinzufügt, so wird GottGott ihm die Plagen zufügen, von denen in diesem Buche geschrieben ist;Parallelstellen anzeigen und wenn jemand etwas hinwegnimmt von den Worten des Buches dieser Weissagung, so wird Gott wegnehmen seinen Anteil am Baume des Lebens und an der heiligen Stadt, von denen in diesem Buche geschrieben steht.

Obschon es klar und deutlich geschrieben steht, dass es um die „Weissagungen dieses Buches“ geht, also um das Buch der Offenbarung des Johannes, überträgt die Theologie diese Verse auf die ganze Bibel. Damit wird eine Regel aufgestellt, die dann ihrerseits wieder im Widerspruch zu weit mehren Versen steht.

Eingebungen, Visionen und Offenbarung, welche nicht bereits vorformuliert in der Bibeln stehen, sind für die Kirchenchristen zum vornherein nicht annehmbar. Sola scriptura. (Ausgenommen sind selbstredend die Lutherschriften!)

Gerd Kujot hat das auf seiner Webseite mit sehr treffenden Worten geschildert, die ich hier ungekürzt wiedergebe:

In den verschiedenen christlichen Gemeinschaften und Kirchen wird gelehrt, daß die Offenbarung Gottes an uns Menschen mit der Bibel abgeschlossen sei. Die katholische Kirche läßt zwar Privatoffenbarungen zu, wenn sie im Rahmen der kirchlichen Lehre bleiben, fühlt sich aber nicht an sie gebunden. In anderen Gemeinschaften sind Weissagungen sogar erwünscht, sie dürfen sich aber nicht außerhalb ihrer eigenen Bibelauslegung bewegen.
Für diese fast durchwegs ablehnende Haltung neuen Offenbarungen gegenüber wird die Bibelstelle aus dem 1. Kapitel des Hebräerbriefes, Vers 1-2 angeführt. Dort heißt es: „Nachdem Gott vor Zeiten manchmal und auf mancherlei Weise zu den Vätern geredet hat durch die Propheten, hat Er zuletzt in diesen Tagen zu uns geredet durch den Sohn.“ (Hebr. 1,1-2)

Zuletzt heißt nicht immer das letzte Mal und dann nie wieder. In diesem Vers ist nicht die Rede davon, daß Gott die letzte Rede an uns Menschen gehalten habe und dann weiterhin nicht mehr reden werde. Damals als der Hebräerbrief geschrieben wurde, da hatte Gott zuvor auf mancherlei Weise gesprochen, aber zuletzt durch den Sohn. Das schließt aber eine weitere Rede Gottes an uns Menschen nicht aus. Wenn ein Redner z. B. in mehreren Städten geredet hat und dann gesagt wird: „Zuletzt hat er in München geredet“, so heißt das nicht, daß er dann in Zukunft gar nicht mehr reden wird, sondern daß er die nächste Rede wieder in einer anderen Stadt halten wird.

Die Bibel enthält nicht nur keinen einzigen Text, der eine erneute Offenbarung Gottes an die Menschen ausschließt, sondern im Gegenteil viele Stellen, in denen auch von weiteren Offenbarungen in unserer Zeit die Rede ist. Es gibt kein schöneres Ereignis für einen Christen, wenn sich Jesus ihm offenbart, wie Er es im Johannesevangelium verheißen hat: „Wer Meine Gebote hat und sie hält, der ist es, der Mich liebt; wer aber Mich liebt, der wird von Meinem Vater geliebt werden, und Ich werde ihn lieben und Mich ihm offenbaren.“ (Joh. 14,21) In diesem Bibelvers werden die Bedingungen dafür genannt, daß sich Jesus offenbaren kann. Wer diese Bedingungen erfüllt, dem wird Er sich dann auch offenbaren.

„Solches habe Ich zu euch gesprochen, während Ich noch bei euch bin; der Beistand aber, der heilige Geist, welchen mein Vater in Meinem Namen senden wird, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was Ich euch gesagt habe.“ (Joh. 14,25-26) - Wo ist die Erfüllung dieser Verheißung, daß der heilige Geist den Menschen alles lehren und sie an alles erinnern wird?

„Noch vieles hätte Ich euch zu sagen, aber ihr könnt es jetzt nicht ertragen. Wenn aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird Er euch in die ganze Wahrheit leiten; denn Er wird nicht von Sich Selbst reden, sondern was er hören wird, das wird Er reden, und was zukünftig ist, wird Er euch verkündigen.“ (Joh. 16,12-13)

"Noch vieles hätte Ich euch zu sagen, aber ihr könnt es jetzt nicht ertragen." - Aus diesem Vers sehen wir, daß Jesus Seinen Jüngern gerne noch vieles gesagt hätte, was sie aber damals noch nicht ertragen konnten. Deshalb verhieß Er ihnen und allen ihren Nachfolgern den Geist der Wahrheit, der sie dann in die ganze Wahrheit leiten und der zu ihnen reden würde, d.h. der ihnen das sagen würde, was Jesus ihnen zu Seiner Erdenlebenszeit noch gerne gesagt hätte, einschließlich der Verkündigung des Zukünftigen. Wir sehen daraus, daß es für die Menschen eine Notwendigkeit ist, daß von Zeit zu Zeit neue Offenbarungen erfolgen müssen, damit die Menschheit in der Wahrheit geleitet wird. Wie ein Lehrer seinen Schülern in der ersten Klasse nur wenige grundlegende Dinge sagen und ihnen erst mit ihrem Älter- und Reiferwerden von Klasse zu Klasse mehr beibringen kann, so kann es auch Gott mit uns Menschen nicht anders machen. Deswegen sagte Paulus: "Und ich, meine Brüder, konnte nicht mit euch reden als mit geistlichen, sondern als mit fleischlichen Menschen, als mit Unmündigen in Christus. Milch habe ich euch zu trinken gegeben, und nicht feste Speise; denn ihr vertruget sie nicht, ja ihr vertraget sie jetzt noch nicht; denn ihr seid noch fleischlich." (1.Kor. 3,1-2)

Dass Eingebungen, Visionen und Offenbarungen in der Tat von niederen Geistern veranlasst werden können, soll nicht verschwiegen werden, denn von da geht eine nicht geringe Gefahr aus. Wir kommen aber noch ausführlich darauf zurück, wenn wir von den Vorausetzungen sprechen werden. Leider hat diese Gefahr zu allerlei Religionsgemeinschaften geführt, welche, wie Luther, ein eigenes Evangelium lehren. Wie gesagt wir kommen noch darauf zurück. Aber deswegen dürfen wir nicht alles in Grund und Boden verdammen.

Eigentlich sollte es jedem klar sein, dass die Bibel zwar für das Grundwissen des Heilsplans Gottes unschätzbare Dienste leistet, aber für die individuelle Führung bei Tagesfragen taugt sie doch nur bedingt. Und wer eine persönliche Beziehung mit Christus will und hat, der kann auch auf eine persönliche Kommunikation nicht verzichten. Eingebungen, Visionen und Offenbarungen sind so normal und natürlich wie das beten.

Das Leiden - oder das Kreuz

Nehmet das Kreuz auf euch und folget Mir nach!“ Dieses bekannte Jesuswort kennt jeder. Aber nichtdestotrotz hört man immer wieder,  „Jesus hat für mich gelitten“, „Jesus hat das Kreuz für mich getragen“ usw. Na schön, dann hat sich die Frage des Leidens für Christen schon erledigt.

Die wie Unkraut aus dem Boden schiessenden Charismatischen Gemeinden gehen sogar noch einen Schritt weiter: „Gott will, dass wir ein glückliches Leben und Erfolg haben“. „Gott will, dass Du gesund bist!“ Auf den Webseiten solcher Gemeinden sieht man denn auch zahlreiche Fotos mit überglücklichen Gesichtern und junge Familien, die von Gesund und Erfolg nur so strotzen.

Der Mystiker hingegen weiss und erlebt es täglich, das das Leiden Bestandteil seines mühsamen irdischen Lebens ist. Ich weiss, dass das keine angenehme Propaganda für die Mystik ist, aber wir stehen ja in der Wahrheit und zeugen von der Wahrheit. Jedoch erfüllt das Leiden oder das „Kreuz auf sich nehmen“ einen ganz bestimmten Sinn und Zweck. Ich habe schon oft darüber geschrieben und werde auch weiter noch darüber schreiben.

Nicht nur das Ego, sondern auch die Naturgeister der Seelenspezifikationspartikel und natürlich jene weit tiefer im Gericht sitzenden Naturgeister des Leibes können nur durch das Leiden zermürbt und dann erlöst werden. Das ist aber die Kraft Gottes, welches solches bewerkstelligt, die Seele oder der Mensch muss einfach durch diese Entwicklung durch. Wenn er es scheut, in diesem Leben diesen Prozess zu durchlaufen, so wird er es in der Ewigkeit müssen – und das ist dann weit schlimmer!

Lehre/Dogma

Die Theologische Lehre ist eine Spezialität der Kirchen. Sowohl der Katholischen wie auch den Evangelikalen. Solche Lehren werden dann als sogenannte „Glaubens-Programme“ oder Glaubens-Bekenntnisse zusammengefasst. Das bekannteste ist wohl das Augsburger-Bekenntnis, welche auf der Apologie Melanchton/Luther fusst. Dessen wichtigster Punkt ist ohne Zweifel die Rechtfertigungslehre, dass wir schon durch den Glauben allein vor Gott gerecht dastehen.
Eine (solche) Lehre, ja überhaupt ein Dogma gibt es bei den Mystikern nicht. Ja, kann es nicht geben. 

Die Bibel ist zwar der gemeinsame Nenner, aber darüber hinaus muss jeder Mensch individuell geführt werden. Der Weg vom Sünder zum Gotteskind ist für jeden Menschen völlig anders und kann nicht über Lehrmethoden vereinheitlicht werden. Christus lebt in jedem Menschen und nur Er weiss, was für einen jeden gut und förderlich ist. Darauf dürfen wir uns verlassen, wer ehrlich und ohne irgendwelche egoistischen Hintergedanken die Wahrheit sucht, wird von Christus Selbst geleitet und geführt. Das ist selbstverständlich dann eine individuelle Führung, welche in kein Schema und kein Programm gepresst werden kann.

Zwei Begriffe nur sind allen gemeinsam: Alles ist aus und durch die Gnade und der Weg vom Sünder zum Gotteskind führt über den Gehorsam.

Die Wiederkunft Jesu

Ein weiterer grosser Unterschied der lutherianischen Theologie und der Mystik und damit auch ein gewichtiger Grund, dass die Lutherianer die Mystik aufs Vehementeste ablehnen und sogar scharf bekämpfen, ist die Sicht über der Wiederkunft Jesu.

Die evangelischen Schriftgelehrten und andere Bibelforscher rechnen schon seit Paulus mit der sehr nah bevorstehenden Wiederkunft Jesu. Dabei stellen sie sich vor, dass Er als Mensch, als Geist, eben mit dem Auferstehungsleib hinter einer Wolke erscheint und für alle Menschen sichtbar wird. Das Gleichnis steht auch so in der Bibel, das wissen wir. Aber was wir nicht wissen, was ist denn mit den Wüstenbewohnern, welche praktisch nie eine Wolken sehen? Oder ander gefragt, kann Jesus nur bei diesen Wetterverhälnissen ercheinen, wenn es auf der ganzen Erde, ohne Ausnahme, leicht bewölkt ist? Welch absurde Vorstellung! Alle diese Bibelforscher haben aber noch nicht gelesen, dass das Himmelreich (und das ist Jesus Christus) nicht mit äusseren Gebärden erscheint. Aber ein Christentum, das nur auf Äusserlichkeiten, auf die Materie baut, das muss natürlich eine materielle Handhabe haben.

Der Mystiker weiss, dass diese besagten Wolken eine Entsprechung, ein Gleichnis ist. Das darf man nicht wörtlich nehmen, sonst befindet man sich in einem grossen Wirrwarr von Widersprüchen. Jesus hat gesagt, dass Er wiederkommen würde – und zwar noch zu Lebzeiten der Apostel!!!

Und richtig, nach Seiner Auffahrt dauerte es genau vierzig Tage bis Er wiederkam. Zwar kam Er nicht in der Form als Menschensohn, sondern als Gott, der Heilige Geist, als Christus. Und von da an lebt Er in eines jeden Menschenh Herzen. Ich wiederhole, was ich schon einmal geschrieben habe:

Wer auf das Kommen Jesu wartet, verpasst es, mit Ihm zu leben

Wie kann man auf jemanden warten, der schon da ist? Der Mystiker wartet nicht auf Sein Wiederkommen, denn er lebt mit dem wiedergekommenen Christus Jesus jeden Tag und in persönlicher Verbindung.

Die Lutherianer verstehen das aber nicht so, weil es nicht mit so klaren Worten in der Bibel vorformuliert ist. Genau dasselbe Dilemma zeigt sich mit dem damit eng verbundenen Thema:

Die Entrückung

Auch hier übernehmen es die Bibelforscher buchstabengetreu. In einer nicht fernen Stunde sollen alle, die an Jesus Glauben – schwuppdiwupp – alle gemeinsam durch die Lüfte emporgehoben werden. Ein Riesenevent, diese Luftnummer! Dabei werden Flugzeuge und Eisenbahnzüge, LKWs und Motorräder plötzlich führerlos sein. Nicht auszudenken! Aber die Gläubigen sagen, dass halt alle, die zurückbleiben, selber schuld seien, weil sie nicht geglaubt haben ...

Der Mystiker weiss, dass die Entrückung schon seit Paulus Lebzeiten stattfindet. Aber in einer ganz anderen Form, als es das Luther-Evangelium vorsieht. Hier nur soviel: Entrückt werden alle, welche einen Auferstehungsleib noch hier im Erdenleben erhalten. Diese Entrückung ist mit dem leiblichen, natürlichen Tod verbunden und man stelle sich das so vor, dass bevor der eigentliche Herz-Tod eintritt, die Seele bereits im Himmel aufgenommen wird. So spürt sie vom Übergang rein gar nichts. Das geschieht auch im Falle eines Unfalltodes. Für die Welt muss es aber nach einem ganz üblichen Tod aussehen und sie vernimmt von den eigentlichen Vorgängen rein gar n ichts. Das muss so sein, damit keine Nötigung für den Glauben entsteht. Leere Gräber von (echt) Wiedergeborenen zeugen von diesem Vorgang.

Nun, die Reihe der Gegensätze des Lutherismus und der Mystik könnte beinahe ewig fortgesetzt werden. Ich gehe nur deshalb auf diese grundlegenden Widersprüche ein, damit man versteht, weshalb die Kirchen derart gegen die Mystik und deren Praktiken wie Meditation und Kontemplation vorgehen und ihre Anhänger aufs Allerheftigste davor warnen. Nun nur noch einen letzten Punkt will ich erwähnen, welcher ebenso die grössten Kontroversen auslöst:

Himmel und Hölle

Für den Lutherianer gibt es nur diese zwei Zustände: Himmel oder Hölle. Und selbstverständlich ist es so, dass nach ihrer Ansicht nur die Lutherianer den Himmel bevölkern, die Katholiken, Mystiker und alle anderen aber sich in der Hölle wiederfinden. Das kommt daher, weil das entscheidende Kriterium eben der alleinige Glaube – selbstverständlich ohne Werke! – ausschlaggebend ist.Und dieser alleinige Glaube haben eben nur die Lutherianer.

Der Mystiker, leider etwas weniger privilegiert, glaubt, dass wer auch nur das minimalste Interesse, also die allerkleinste Liebe zur Wahrheit hat, auch in der Ewigkeit eine Weiterentwicklung erfährt. Er weiss aber auch, dass die dazu verlorene Erdenzeit nur sehr schwer und viel mühsamer nachgeholt werden kann. Und er weiss, dass wer im jetzigen Erdenleben den Auferstehungsleib nicht erlangen konnte, ihn auch später nicht erlangen wird. Für den Lutherianer gibt es nur einen Himmel, der Mystiker weiss aber, dass es viele verschiedenen (Entwicklungs-) Stufen (Sphären) gibt.

Soviel also in kurzen Zügen die Gegensätzlichkeiten. In der Folge werden wir uns über die Herzenshaltung des Mystikers und auch über die Gefahren der Mystik unterhalten. Wir werden erfahren, wer sich besser nicht damit befasst und warum.

Zum Teil 1
Jesus segne dich!